Leseprobe zu Täuschung des Herzens (Drei einsame Herzen-Reihe Teil 2)

1. Kapitel

 

 

England / Sommer 1756

 

Zweige schlugen ihr ins Gesicht und hinterließen brennende Striemen. Sie rannte weiter, eilte zwischen den Sträuchern und Bäumen hindurch. Der Spaten in ihrer Hand wurde immer schwerer und unhandlicher. Aber vielleicht würde sie das Gartengerät gleich noch brauchen. Sie schrie laut nach Hilfe.

 

Lediglich ihr eigenes Keuchen drang an ihr Ohr. Kein anderes Geräusch außer das Knacken von Zweigen unter ihren Füßen war zu hören. Kein Rufen, kein Stöhnen, kein Gurgeln. Oh, nein. Das war nicht gut. Kam sie bereits zu spät?

 

Das schnelle Laufen durch das unwegsame Gebiet ermüdete sie. Schweiß trat auf ihre Stirn. Noch einmal rief sie um Hilfe. Ihr Knöchel knickte ein, als sie über eine Wurzel stolperte. Sie gab einen Schmerzenslaut von sich, aber sie blieb nicht stehen. Noch einmal verstellten ihr ein paar Sträucher den Weg. Heather lief einen Bogen und befand sich plötzlich auf der Wiese vor dem Fluss. Sie hielt an, um sich zu orientieren.

 

Der Mann lag wie Treibholz bäuchlings im Wasser. Inzwischen war er in die Mitte des Flusses getrieben. Die Strömung konnte ihn jederzeit erfassen und mitreißen. Sie würde ihn in wenigen Augenblicken vom Ufer aus nicht mehr erreichen. Aber wenn er erst einmal zu der Stelle gelangte, in den sich der Bluestone River mit dem Middleton Stream vereinte, wäre er ohnehin verloren.

 

Zuerst starrte sie den Toten einfach nur an. Oder lebte er etwa noch? Dann raffte sie neuerlich ihre Röcke und rannte Richtung Wasser. Nach ein paar Metern hüpfte sie auf einem Bein, um ihren Schuh abzustreifen. Als sie am Ufer anlangte, hatte sie auch den zweiten Schuh zur Seite geworfen. Der Spaten landete mit einem Scheppern auf den Steinen am Ufer. Mit dem Schwung ihres Laufes sprang sie ins Wasser.

 

Die Nässe durchdrang ihre Kleidung bis zur Hüfte. Der Stoff sog die Feuchtigkeit auf und erschwerte das Vorwärtskommen. Sie watete keuchend weiter. Da der Fluss nicht tiefer wurde, gelang es ihr ohne zu schwimmen, den leblosen Körper zu erreichen.

 

Sie griff nach seinem Arm und versuchte, ihn herumzudrehen. Der Mann war schwer. Die Zeit lief ihm davon. Seit Heather ihn oben vom Haus aus entdeckt hatte, waren Minuten vergangen. Sie musste dafür sorgen, dass er aus dem Wasser kam und Luft schnappen konnte.

 

Noch einmal zerrte sie an ihm, und der Ohnmächtige drehte sich auf den Rücken. Triumphierend schrie sie auf. Mit ihren Händen unter seinen Achseln gelang es ihr, den Mann rückwärts Richtung Ufer zu schleppen. Als sie Steine unter ihren Füßen spürte, kam sie langsamer vorwärts. Der leblose Körper wurde immer schwerer, weil ihr nun der Fluss nicht mehr half, das Gewicht zu tragen.

 

Ihre Armmuskeln zitterten, doch aufgeben war keine Option. »Komm schon, Heather. Nur noch ein paar Meter«, spornte sie sich selbst an.

 

Die Beine des Mannes befanden sich endlich außerhalb des Wassers. In einem ersten Impuls hätte sie ihn beinahe fallen lassen, doch dann wäre sein Kopf auf die Steine am Ufer geknallt. Also setzte sie ihn mit ihrer letzten Kraft vorsichtig auf dem Boden ab.

 

Heather beugte sich über den Fremden. Ihre Hand konnte über seinem Mund keinen Atem spüren. Was sollte sie nur tun? Pater William hatte ihr doch letzten Sommer erzählt, wie man den Mumford-Jungen gerettet hatte, als er beinahe im Teich der Familie ertrunken war. Das Wasser musste aus den Lungen. Anschließend war es notwendig, Luft in die Lungen zu pumpen. Auf eine etwas unorthodoxe Art und Weise. Doch darüber würde sie sich später Gedanken machen.

 

Mit verschränkten Fingern drückte sie beidhändig seine Rippen hinunter. Einmal, zweimal, ein drittes Mal. Dann richtete sie sich auf und wartete keuchend ab. Keine Reaktion des Mannes. Ging sie richtig vor?

 

Sie biss sich auf die Lippen. Anscheinend kam sie um diese Sache mit dem Luftzuführen nicht herum. Neuerlich beugte sie sich über das Gesicht des Ohnmächtigen. Seine Nase hielt sie zu und zögerte ein letztes Mal, bevor sie ihre Lippen auf seine presste und die Luft aus ihrem Mund in seinen pustete.

 

Wieder keine Reaktion, weshalb sie seinen Brustkorb erneut zusammenpresste. Als sie dieses Mal die Luft in seinen Mund blies, begann er zu husten.

 

Dem Himmel sei Dank! Sie drehte den Mann auf die Seite, damit er das Wasser leichter ausspucken konnte. Mit festem Klopfen auf seinen Rücken wollte sie den Vorgang beschleunigen. Sobald das Husten leichter wurde, rollte sie ihn wieder zurück.

 

Sollte er jetzt nicht wach werden? Sich bewegen? Irgendwie reagieren? Weshalb lag er reglos da?

 

Ängstlich lehnte sie sich über seine Brust und horchte auf den Herzschlag. Der war schwach aber gleichmäßig. Ihre Hand über seinem Mund spürte einen leichten Luftzug. Hoffentlich erhielt er das Bewusstsein bald zurück. In der Zwischenzeit musste sich jemand um ihn kümmern.

 

War er alleine unterwegs gewesen? Als sie sich umblickte, fehlte von möglichen Begleitpersonen jede Spur. Sein Gesicht war ihr unbekannt. Hatte er sich auf der Durchreise befunden?

 

In diesem Moment öffnete er die Augen. Noch niemals hatte sie diese Art von Grau gesehen, das nur einen leichten Stich ins Blau besaß. Er lächelte, und ihr wurde klar, wie attraktiv sie diesen Mann fand, obwohl er gerade dem Tod von der Schippe gesprungen war. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie schneidig er wirken musste, wenn seine nasse, zerrissene Kleidung durch neuwertige ersetzt worden wäre.

 

Der Fremde murmelte etwas. Heather beugte sich ein wenig nach vorne, um ihn verstehen zu können. »Himmlisch. Wie wunderschön!«

 

Wovon sprach er? Sie legte eine Hand auf seine Stirn, um seine Temperatur zu überprüfen. Um Fieberträume handelte es sich jedoch offensichtlich nicht. »Wie geht es Euch?«, erkundigte sie sich voller Mitgefühl.

 

»Hier im Himmel natürlich ausgezeichnet. Es ist nur ein wenig kalt. Wollt Ihr nicht Eure Flügel spannen und mich mit Eurer Wärme einhüllen?«

 

»Welche Flügel?«

 

»Ihr könntet mein Blut sicherlich auch noch auf andere Weise erhitzen. … Ich muss überprüfen, ob Ihr wirklich existiert«, meinte der Mann.

 

Seine Hände umfassten völlig unerwartet ihr Gesicht, bevor er sie zu sich zog und küsste. Direkt auf den Mund! War er denn von allen guten Geistern verlassen?

 

Sehr zu ihrem Missfallen empfand sie den Kuss als überaus angenehm. Ihre Augen schlossen sich wie von selbst, während sich Sehnsucht in ihrem Herz ausbreitete. Es war so lange her, seit sie zuletzt in den Armen eines Mannes gelegen hatte. Vielleicht konnte sie bei dieser Gelegenheit nur ein wenig die Erinnerung aufzufrischen, wie es sich anfühlte …

 

Sie spürte seine Zunge zwischen ihre Lippen gleiten und erstarrte schockiert, riss die Augen weit auf. Wie konnte er es wagen? Schwer atmend riss sie sich von ihm los. »Ihr geht zu weit.«

 

Sein Blick klärte sich. Offensichtlich wurde er sich erst jetzt bewusst, sich in keinem Traum zu befinden. Er kniff die Augenbrauen zusammen. »Was ist passiert?«

 

»Ihr habt mich geküsst, obwohl Ihr kein Recht dazu hattet.«

 

»Verzeiht mir«, bat er mit rauer Stimme. Allerdings schien er nicht im Mindesten Reue zu empfinden. Dafür blitzte zu viel Schalk in seinem Blick. »Ich dachte, ich müsste mich im Himmel befinden. Und ich wollte schon mein Leben lang wissen, wie es sich anfühlt, einen Engel zu küssen.«

 

»Es tut mir leid, Euch zu enttäuschen. Im Himmel würdet Ihr mich nicht antreffen.« Heather bemühte sich, streng zu klingen.

 

»Diesbezüglich werde ich Euch glauben müssen. Lasst mich meine Frage wiederholen: Was ist eigentlich passiert? Gerade noch ritt ich auf der Straße nach Northwich.«

 

»Ihr seid beinahe ertrunken, weil Ihr ohnmächtig wart. Womöglich hat Euer Pferd Euch auf einer Brücke abgeworfen, und Ihr seid in diesen Fluss gefallen.«

 

»Das wäre natürlich eine Erklärung.« Er stützte sich auf die Ellbogen ab und sah sich um. Sein Blick blieb an dem Spaten, der ein paar Schritte von ihnen entfernt im Gras lag, hängen. »Ihr seid doch nicht gekommen, um mir ein Grab zu schaufeln?«

 

»Ich war gerade mit Gartenarbeit beschäftigt. Aber wenn mir Eure Rettung nicht gelungen wäre, hätte ich den Spaten natürlich sofort zum Ausheben eines tiefen Loches benutzen können, um Euch darin verschwinden zu lassen.«

 

Erst runzelte er die Stirn. Dann erschien wieder dieses wundervolle Lächeln auf seinem Gesicht. »Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt.«

 

»Das hattet Ihr tatsächlich. Jetzt müssen wir Euch aus der nassen Kleidung bekommen.«

 

»Ein großartiger Vorschlag. Ich liebe stürmische Frauen.« Er hob den Kopf, als wolle er sie neuerlich küssen. Seine Lippen spitzten sich.

 

Heather drückte ihn auf den Boden zurück. »Ihr seid nicht ganz bei Trost.«

 

Seine Hand strich überraschend zärtlich über ihre Wange. »Offensichtlich.« Er versuchte ihren Kopf zu sich zu ziehen.

 

Beinahe hätte sie ihn geohrfeigt, um ihn zur Vernunft zu bringen. Doch einen kranken Menschen zu verletzen, kam nicht in Frage. »Ich flehe Euch an! Nehmt Euch zusammen!«

 

Aus der Richtung des Hauses von irgendwo im Wald drangen Rufe zu ihnen. Die Frauen hatten endlich bemerkt, dass etwas passiert war. Konnte der Zeitpunkt noch ärgerlicher sein? Sie musste dem Fremden klar machen, wie wichtig sein Schweigen über diesen Kuss war. »Vergesst den Kuss.«

 

»Unmöglich. Ich habe noch immer Euren Geschmack auf den Lippen.«

 

Die Stimmen kamen schneller näher. Gleich hätten die Frauen den Fremden und Heather erreicht.

 

»Seid still«, fauchte sie. Diese skandalösen Worte, die Wärme in ihrem Magen erzeugten, konnten sie in ernste Schwierigkeiten bringen.

 

Seine Augenlider flatterten. »Euer Wunsch ist mir Befehl. Ich fürchte, ich bin ohnehin nicht mehr in der Lage …« Er verstummte, und sein Körper wurde schlaff.

 

Oh, nein. Der Unbekannte war neuerlich ohnmächtig geworden. Kein gutes Zeichen. Wie sollte sie nun herausfinden, wer er war? Wie konnte sie seine Familie ausfindig machen und informieren?

"Täuschung des Herzens (Drei einsame Herzen-Reihe Teil 2)"
Kindle: http://amzn.to/2bpzPi6
Epub: http://bit.ly/2bUbZN4