Leseprobe zu Neugier des Herzens (Drei einsame Herzen-Reihe Teil 1)

 

1. Kapitel

 

England / Frühjahr 1756

 

Ein leise geflüstertes Danke. Ein perfektioniertes, halbes Lächeln. Eine angedeutete Verbeugung. Eine elegante Handhaltung, als Victoria das Glas Punsch von der Anstandsdame entgegennahm. Das spöttische Hochziehen der Augenbraue, nachdem Mrs. Miller sich abgewandt hatte.

 

Es fiel Victoria nicht leicht, das gelernte Wissen aus Stunden von Verhaltensmaßregelungen anzuwenden und gleichzeitig sie selbst zu bleiben.

 

Dieses steife Bestehen auf Etikette! Diese Zurschaustellung eleganter Oberflächlichkeit! Wie sehr sie dieses alberne Gehabe hasste!

 

Auf der Tanzfläche des Ballsaals versuchten sich Paare ihre Langeweile nicht anmerken zu lassen sondern durch höfliches Lächeln zu kaschieren. Junge Mädchen drängten sich in den ruhigen Ecken und warteten mit leerem Gesichtsausdruck darauf, die Aufmerksamkeit von heiratswilligen Männern zu erregen. Victoria war davon überzeugt, einige von ihnen hätten genauso gerne die Flucht ergriffen sie wie selbst.

 

Lediglich Samantha, Victorias Schwester, lachte laut. Sie wirkte etwas zu fröhlich für eine Frau, die vor einem Jahr zur Witwe geworden war. Doch da die Männer anstanden, um mit Samantha zu tanzen, sollte ihr dieses Strahlen gegönnt sein. Der Zug um Samanthas Mund veränderte sich, als sich ihre Aufmerksamkeit von ihrem Tanzpartner abwandte. Das neue Lächeln war verwegen, galt es doch dem größten Herzensbrecher der Gegend. Lord Weston, dessen Augen Samantha den ganzen Abend verfolgt hatten.

 

Wie ungehörig von Samantha! Und wie groß der Neid war, den Victoria ihrer Schwester gegenüber empfand! Wie sehr sie die Witwe um ihr Wissen, ihre Freiheit, ihre Gewandtheit im Umgang mit Männern beneidete!

 

Wenn sie doch nur in London lebten! Hier auf dem Land wurde jeder Regelverstoß unter dem Mikroskop betrachtet. Jede Unterhaltung wurde im Nachhinein seziert bis ins kleinste Detail. Jeder Fehltritt hatte weitreichende Konsequenzen. Diese Erfahrung hatten einige anwesende junge Damen bereits machen müssen.

 

Victoria sah zu dem Gentleman, der ihre eigenen Gedanken beschäftigte. Lord Amsburgh könnte als gute Partie gelten, wenn er nicht dafür bekannt wäre, Lord Weston den Thron als Lebemann streitig machen zu wollen. Sicherlich gab es in der Stadt größere Wüstlinge als die beiden Gentlemen. In dieser abgeschiedenen Gegend von Berkshire gab es nicht genug Beute, um sie zu Großwildjägern zu erklären. Für Victorias Vorhaben schien Lord Amsburgh dennoch geeignet.

 

Lord Amsburghs Stirn runzelte sich etwas, als langweile ihn mit einem Mal das Gespräch mit dem Mann neben ihm. Er wandte den Kopf, und sein Blick huschte über die mit Ballkleidern und eleganten Anzügen herausgeputzten Paare, die sich auf der Tanzfläche drehten. Seine Größe erlaubte ihm, über sie hinweg zu sehen.

 

Victoria konnte sein mäßig attraktives Gesicht von vorne bewundern. Sein Kinn war eine Spur zu breit, seine Nase etwas zu lang und seine Augen etwas zu engstehend, um der gängigen Mode zu entsprechen. Dennoch klopfte ihr Herz mit einem Mal schneller.

 

Dann sah er zu der Gruppe von Frauen, zwischen denen Victoria sich versteckte. Sein Blick fing ihren ein.

 

Verflixt. Er hatte ihr intensives Beobachten anscheinend bemerkt. Sie hätte sich unverfänglicher verhalten sollen, während ihre Gedanken darum kreisten, auf welche Art sie ihren Plan in die Tat umsetzen könnte.

 

Diese grünen Augen! Sie waren direkt auf ihr Gesicht gerichtet. Er schien sie förmlich zu durchleuchten. Der intensive Moment verstärkte ihr Herzklopfen. Ein Hitzepfeil schoss durch ihren Magen. Die Gefühle waren neu für sie. Sie fragte sich, ob sie aus dem Zauber des erfahrenen Verführers resultierten.

 

Als ihre Wangen erröteten, wäre sie beinahe geflüchtet. Doch sie musste die Gelegenheit nutzen. Sie fächelte sich Luft zu, und …

 

An ihrem Ärmel wurde gezupft. »William ist verärgert über dein Benehmen. Du scheinst nicht zu wissen, wie sich eine Dame zu verhalten hat«, zischte eine Stimme.

 

Victoria wandte sich ihrer Schwägerin zu, die etwas außer Atem zu sein schien. »Mein Bruder bemerkt meine dahingehende Schwäche reichlich spät.«

 

»Jeder in diesem Raum hat gesehen, wen du mit unverhohlener Neugierde musterst. Kannst du dich denn nicht der Familie zuliebe ein wenig … unauffälliger geben?«

 

»Wissbegierde sollte nicht als undamenhaft empfunden werden«, murmelte Victoria. Sie wusste nur zu gut, wie unnütz eine Diskussion mit ihrer Schwägerin wäre, deren einziger Lebenszweck die Produktion vieler männlicher Nachkommen und die perfekte Führung des Haushaltes darstellte.

 

Wenn Lord Amsburgh auch nur ansatzweise Interesse an solch einer Frau an seiner Seite hätte, wäre ihr Blick heute nicht seiner stattlichen Erscheinung gefolgt. Seinen breiten Schultern, seiner selbstbewussten Haltung, seinen großen, aber dennoch elegant wirkenden Händen, die sein Glas so vorsichtig hielten. Ob diese langgliedrigen Finger wussten, wie …?

 

»Hör auf, ihn anzustarren. William zerrt dich sonst sofort nach Hause.«

 

William? Als Victoria sich umsah, bemerkte sie ihren Bruder, der sie von seinem Posten in der Nähe des Eingangs aus wütend anfunkelte. Sie musste sich beeilen.

 

»Natürlich habt ihr Recht«, gab sie nach und senkte den Kopf. »Ich werde mich so damenhaft benehmen, wie ich nur kann.«

 

Doch zuvor musste sie ihre Chance nutzen. Sie versteckte ihr Gesicht so hinter ihrem Fächer, damit weder William noch Mary-Beth das hoffentlich einladende und sicherlich nicht ausreichend verlockende Lächeln bemerkten, das sie in Richtung von Lord Amsburgh sandte. Dazu hob sie noch auffordernd eine Augenbraue.

 

Wie schneidig Amsburgh aussah! Sein Stecktuch hatte exakt die gleiche Farbe wie seine Augen. Als er nun einen Mundwinkel hob, erschien auf seiner rechten Wange ein Grübchen. Das schiefe Lächeln schenkte ihm etwas Verwegenes. Wie unordentlich und gleichzeitig charmant zerzaust sein Haar war, das er sich gerade aus der Stirn schob!

 

Er schien tatsächlich der richtige Mann für ihr Vorhaben zu sein. Er wirkte von dem umständlichen Gehabe der Gesellschaft gelangweilt. Er könnte ihr vielleicht behilflich sein, dieses erdrückende Korsett des scheinheiligen Anstandes abzuwerfen.

 

»Ein wenig frische Luft würde mir nicht schaden«, murmelte sie, und das war nicht einmal gelogen. Sie musste Acht geben, ihr Interesse an Amsburgh niemals über Neugierde hinauswachsen zu lassen.

 

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