Leseprobe zu Kapitulation des Herzens (Drei einsame Herzen-Reihe Teil 3)

1. Kapitel

 

 

England / Herbst 1756

 

Dicke Rauchschwaden schwebten im Raum, dicht genug, damit Jeremiah Weston das Muster der holzvertäfelten Decke nicht mehr erkennen konnte. Der durchdringende Geruch hatte sich bereits in seiner Kleidung festgesetzt. Dennoch nahm er einen zufriedenen, tiefen Zug aus seiner Zigarre.

 

»Eure Miene ist viel zu leicht zu durchschauen, Weston.«

 

Er hob eine Augenbraue. »Wer sagt Euch, dass das nicht zu meiner Masche gehört, Billan?«

 

Der Gesichtsausdruck seines Gegenübers wirkte nicht mehr so überheblich. »Dann lasst mich nicht länger warten.«

 

Jeremiah machte seinen Zug und beobachtete, wie seine Mitspieler ihre Karten ausspielten. Diese Runde würde er neuerlich gewinnen. Seinen Freunden am Spieltisch wurde das auch rasch klar.

 

In dem Glas vor ihm befand sich ein letzter Schluck Whisky, den er leerte. Dann sah er zu, wie ihm sein Gewinn zugeschoben wurde.

 

Vom Eingang her drang die Stimme einer Frau zu ihnen. Selbst wenn sie sich in Begleitung eines Gentlemans befinden sollte, würde man sie nun höflich aber bestimmt abweisen. Ladys hatten in diesen Räumlichkeiten nichts zu suchen. Und Damen, die sich nicht als Lady bezeichnen konnten, wurden ebenfalls nicht gerne gesehen. Sollte einem Gentleman der Sinn nach weiblicher Gesellschaft stehen, konnte er seine diesbezüglichen Bedürfnisse ein paar Häuser weiter befriedigen.

 

Leises Lachen und Murmeln erfüllte den Raum, in dem die Pokertische aufgestellt waren. Aus dem angrenzenden Zimmer war das Aneinanderstoßen von Billardkugeln zu hören. Kerzen in gut ein Meter hohen Kerzenleuchtern verbreiteten ein warmes Licht, das von den Rauchschwaden gedämpft wurde. Alles wie immer. Sogar der Duft nach Zigarren und Alkohol war altbekannt.

 

Als der Spielleiter Jeremiah erwartungsvoll anblickte, schüttelte er den Kopf. »Ohne mich. Ich habe genug für heute.«

 

»Ihr wollt doch wohl noch nicht nach Hause gehen, Weston?«

 

»Vielleicht werdet Ihr Eure Revanche beim nächsten Mal erhalten, Billan. Im Augenblick reicht es mir, vor einem hoffentlich bald wieder gefüllten Glas zu sitzen.«

 

Der Spielleiter winkte einen Kellner heran, der Jeremiah Whisky nachschenkte.

 

Maxwell lehnte neue Karten ebenfalls ab. »Ihr scheint heute nicht recht bei der Sache, Weston. Ist euch in letzter Zeit kein Kätzchen über den Weg gelaufen, dem Ihr das Fell kraulen konntet?«

 

Jeremiah seufzte. »Am Frauenmangel liegt es nicht. Ich hätte nicht für möglich gehalten, jemals so zu empfinden. Doch seit Amsburgh auf den Pfad der Tugend gewechselt ist, haben diese Treffen etwas von ihrem Reiz verloren. Dieses hier beginnt mich zu langweilen.«

 

»Wir brauchen einen neuen Partner, da Amsburgh anscheinend nun öfter ausfallen wird«, stellte Maxwell klar. »Wir können sogar zwei neue Gentlemen für unsere Runde suchen. Selbst unserem Vierergespann fehlte manchmal der Pfeffer.«

 

Das Geschwafel eines unerfahrenen Burschen. Jeremiah ließ es ihm nicht durchgehen. »Einigen von uns fehlt es eindeutig an Benehmen.«

 

»Ihr seid noch pingeliger als Lord Amsburgh«, beschwerte sich Maxwell.

 

Bemerkte der Kerl, wie sehr er den anderen Spielern mit solch kindischen Bemerkungen die Laune verdarb? Ein Themenwechsel wäre angebracht. »Unglaublich, wie schnell er sich hat einfangen lassen. So wenig Rückgrat hätte ich ihm nicht zugetraut. Dabei würde niemand Lady Victoria als auffällig bezeichnen. Sie schien im Schatten ihrer Schwester immer zu verschwinden.«

 

Lord Billan, der älteste der anwesenden Gentlemen, sah hoch. »Womit sie ihn wohl geködert hat?«

 

»Sie soll ein neugieriges, kleines Wesen sein.« Lord Maxwells Augen glänzten. »Wenn sich diese Wissbegierde bis ins Schlafzimmer erstreckt …«

 

»Genug!« Jeremiah beugte sich vor. »Ihr sprecht von der Gattin eines unserer Mitglieder, Maxwell. Wir alle können uns Gedanken dazu machen, wie es zu der Ehe gekommen ist. Doch ich werde nicht zulassen, dass hier in diesen Räumen die Ehre einer verheirateten Frau in den Schmutz gezogen wird.«

 

Auf Maxwells Wangen erschienen rote Flecken. »Ihr habt Recht, Weston. Es tut mir leid.«

 

»Lady Victoria würde Eure Entschuldigung verdienen. Allerdings sollte sie besser nichts hiervon erfahren, also nehme ich die Entschuldigung in ihrem Namen an.« Neuerlich seufzte er. »Wie sehr ich wünschte, Lord Amsburgh würde diesen Abend mit einer schönen Keilerei gegen Maxwell anheizen.«

 

»Kommt schon, Weston. Die Rivalität zwischen Euch und Amsburgh habe ich nie ganz verstanden. Seid Ihr Euch irgendwann bezüglich einer Frau in die Quere gekommen?« Lord Billan wirkte überaus neugierig.

 

»Unsere gegenseitige Abneigung stammt noch aus unserer Schulzeit«, erklärte Jeremiah vage. »Jemand mit so vielen grauen Haaren, wie Ihr sie besitzt, hat im Laufe seines Lebens bestimmt auch jede Menge Feinde angesammelt.«

 

»Versucht nur, mich mit einem Hinweis auf mein Alter abzulenken. Dank meiner langen Lebenszeit kann ich mich an eine Zeit erinnern, in der Lord Amsburgh und Ihr noch eine Freundschaft gepflegt habt. Eines Tages solltet Ihr klären, was zwischen Euch vorgefallen ist.«

 

Als würde er so etwas Verrücktes auch nur in Betracht ziehen! »Wir werden sehen. Im Augenblick interessiere ich mich jedenfalls weder für Lord Amsburgh noch für seine Frau.«

 

»Aber vielleicht für seine Schwägerin?« Maxwell grinste breit.

 

Der Junge sollte auf seine Worte achten. »Wie kommt Ihr jetzt darauf?«

 

»So, wie Ihr die junge Witwe bei jedem Zusammentreffen anseht, bewundert Ihr nicht die Kunst ihres Schneiders.«

 

Die nächsten Sekunden nutzte Jeremiah, um einen Schluck von seinem Whisky zu nehmen und seine Zigarre zu Ende zu rauchen. Als er den Blick wieder hob, beobachtete Billan ihn gerade mit einem amüsierten Grinsen, während Maxwell auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Die Situation sollte Billan nicht belustigen. Er sollte lieber Mitleid mit Maxwell empfinden.

 

Jeremiah ließ seine Stimme bei den folgenden Worten eisig klingen. »Unterstellt mir niemals wieder Interesse an einer Lady, Billan, wenn Ihr als Beweis dafür nicht mehr als angebliche Blicke habt.«

 

»Natürlich, Lord Weston. Es … es tut mir leid. Ich hätte nicht … Ich wollte nicht …« Sein Gegenüber räusperte sich verlegen.

 

Sie brauchten dringend neue Mitglieder in ihrer speziellen Runde. Billan konnte man einfach zu leicht an der Nase herumführen. Jeremiah ließ sich Zeit, bis Billans Stottern in hilfloses Luftschnappen überging, bevor er ihn erlöste. »Ihr solltet mich inzwischen gut genug kennen. Ich starre jeder Frau in den Ausschnitt. Und Lady Samantha hat in dieser Hinsicht tatsächlich einiges zu bieten.«

 

Billan blinzelte. »Aber … dann seid Ihr nicht beleidigt …? Ich halte Euch für einen Mistkerl, Weston.«

 

»Damit habt Ihr zweifelsohne recht. Es bereitet mir einfach zu viel Spaß, Euch auf den Arm zu nehmen. Und jetzt lasst uns überlegen, wie wir diese Treffen etwas spannender gestalten können. Es reicht mich nicht, Euch zum Narren zu halten.«

 

»Eine Wette.« Mit zwei Worten erlangte Maxwell die Aufmerksamkeit von Jeremiah und Billan.

 

Alleine die Idee ließ sein Herz schneller schlagen. »Sprecht weiter.«

 

»Ich bin zu alt für diesen Wettstreit. Doch Ihr und Billan könntet Euch der Herausforderung stellen.« Er trank einen Schluck Whisky. »Lady Samantha. Offensichtlich finden Sie beide sie attraktiv. Als junge Witwe sucht sie sicherlich ein wenig Ablenkung. Wir alle kennen die Gerüchte über ihre Heißblütigkeit. Sollte das Gerede der Wahrheit entsprechen, würden Sie beide zweifelsohne auf Ihre Kosten kommen, wenn sie einen von Ihnen wählt. Kurz gesagt: Derjenige, der es schafft, als erster in ihr Bett zu gelangen, hat gewonnen.«

 

»Wovon sprecht Ihr?« Billan klang schockiert.

 

»Ist Euch dieser faire Wettkampf zwischen zwei Gentlemen zu aufregend?«, witzelte Maxwell.

 

»Es geht mir mehr um die Art des Wettstreits.«

 

Jeremiah jedoch hatte Blut geleckt. Er dachte an Lady Samanthas weiche Rundungen, die seine Fantasie anheizten, ihre hellbraunen Locken, die er schon immer einmal offen über ihren Rücken fallen sehen wollen hatte, ihre blauen Augen, die ihn bei mehr als einer Gelegenheit mit ihrem Funkeln gereizt hatten. »Eine Liebelei? Eine einmalige Sache?«

 

Maxwell nickte.

 

Mit gerunzelter Stirn legte Billan den Kopf schief. »Ich weiß nicht.«

 

»Wie soll der Sieger festgestellt werden? Mein Wort reicht Euch sicherlich nicht.«

 

»Euer Wort?!« Billan richtete sich auf. »Vielleicht erliegt Lady Samantha vorher meinem Charme.«

 

Jeremiah lächelte. »Dann nehmt Ihr die Herausforderung an?«

 

Es schien, als würde Billan auf seinem Stuhl zusammensinken.

 

Niemals wäre dieser ängstliche Kerl eine ernstzunehmende Konkurrenz für ihn. Dazu war Billan zu schüchtern, zu unerfahren. Außerdem hatte Jeremiah noch einen weiteren Vorteil. Die beiden Gentlemen mochten nichts davon ahnen. Er aber wusste nur zu genau von Lady Samanthas Schwärmerei für ihn, die er nun auszunutzen gedachte. Sie konnte als Schönheit bezeichnet werden. Bislang hatte allerdings ihre Züchtigkeit und Zurückhaltung kein Interesse in ihm an einer Vertiefung ihrer Bekanntschaft geweckt. Gerüchte hin oder her: Eine Frau, die auf sein Flirten nicht offensiver einging, war nicht die richtige für seine ausgefallenen Gelüste im Bett. Dank der Wette wurde allerdings sein Jagdinstinkt angesprochen. »Lasst uns zuerst die Regeln klären.«

 

"Kapitulation des Herzens (Drei einsame Herzen-Reihe Teil 3)"
Kindle: http://amzn.to/2fBOc7H
Epub: http://bit.ly/2gXBS1w