Leseprobe zu Im Wettstreit der Gefühle


1. Kapitel

Schottland

Die Sonne brannte auf Erin nieder. Sie ritt einsam über die moosbewachsene Ebene, die so flach war wie Schwester Irinas Waffeln. Vereinzelt konnte sie in der Umgebung niedrige Sträucher sowie ab und an einen Baum entdecken, die einzigen, mickrigen Schattenspender. Selbst in der Ferne erstreckte sich das ernüchternde Grün.

Erin drückte ihrem Pferd die Fersen in die Flanken, doch die Stute weigerte sich, an Geschwindigkeit zuzulegen. Aus Sorge, an der nahe ihrem Zuhause gelegenen Grenze zwischen England und Schottland englischen Soldaten in die Hände zu fallen, hatte sie sich nach Norden gewandt. Wenn sie sich nur für eine andere Himmelsrichtung entschieden hätte! Sie ritt nun schon seit Stunden über die grüne Fläche und hatte die Orientierung länger verloren, als die Säuberung des Bodens im ersten Stock des Waisenhauses gedauert hätte. Sie musste aus dieser Hölle entkommen, sonst würde sie verdursten. Schon bald. Denn das Wasser war ihr schon vor langer Zeit ausgegangen. In ihrem geliebten, charakterstarken Schottland sollte sie ausgerechnet an solch einem freudlosen Ort sterben?

Sie setzte die Flasche nochmals an ihre spröden Lippen, um wenigstens einen Schluck der lebensrettenden Flüssigkeit zu erlangen. Wie bei den anderen Versuchen zuvor musste sie feststellen, dass die Flasche keinen einzigen Tropfen mehr enthielt. Ihre Chancen, lebend aus dieser Fegefeuer ähnlichen Hitze zu gelangen, standen schlecht. Sie hatte nur noch die Hoffnung, dass sie rechtzeitig gefunden wurde, musste sich jedoch eingestehen, dass das mehr als unwahrscheinlich schien. Schließlich wusste niemand, wo sie sich befand. Niemand wusste, dass sie nicht auf dem Weg zum Markt sondern weggelaufen war. Niemand außer dem einzigen Menschen auf Erden, den sie in ihrem Leben nie wiedersehen wollte.

Angesichts ihrer misslichen Lage verfluchte sie den Mann, durch den sie in diese schrecklich beängstigende Situation gestolpert war. Hätte er sie nicht vor zwei Tagen zu dieser Dummheit provoziert, würde sie jetzt in einem gemütlichen Haus im Schatten sitzen und könnte so viel Wasser zu sich nehmen, wie sie wollte. Obwohl sie selbst wusste, dass sie sich damit nur selbst quälte, benötigte sie diese Vorstellung, um nicht zu vergessen, wie sehr sie diesen Mann hasste. Und den Hass brauchte sie, um wenigstens noch eine Weile zu überleben.

Darum erinnerte sie sich selbst immer wieder von neuem daran, was er ihr angetan hatte und verspürte erleichtert den schon vertrauten Zorn in sich aufsteigen. Eines wusste sie mit Bestimmtheit. Der Tag, an dem sich ihr Liam MacNeals wahrer Charakter offenbart hatte, war der schlimmste in ihrem Leben gewesen. Obwohl MacNeals Mangel an Ehrenhaftigkeit sie angesichts seines Rufes als verdorbener Lebemann nicht überraschen dürfen hätte.

Liam MacNeal. Der Herr des mächtigsten Clans der Highlands. Muskelbepackt, eingebildet, überheblich und aufdringlich. Der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, mit der Süßholz raspelnden Zunge eines Engels und der schwarzen Seele des Teufels.

Sie hatte seit dem ersten Tag ihrer Bekanntschaft gehofft, ihn durch unhöfliches Benehmen und bissige Worte dazu bewegen zu können, sich ein willigeres Opfer für seine Begehrlichkeiten zu suchen. Doch er schien von ihrem abweisenden Verhalten nur noch mehr angestachelt worden zu sein. Und dann hatte sich sein penetrantes Werben zu einem Drama zugespitzt, dank dessen sie sich nun hier befand.

Ob MacNeal sie noch immer verfolgte? Wenn sie es recht überlegte, konnte sie ihn wohl als ihre einzige Chance auf Rettung bezeichnen. Pure Ironie des Schicksals wenn man bedachte, dass er der Grund dafür war, dass es so weit gekommen war. Ob sie ihn durch ihre Kostümierung auf die falsche Fährte locken können hatte? Um kein Aufsehen zu erregen, hatte sie sich in einer unbeobachteten Minute als Junge verkleidet. Mit ihren achtzehn Jahren wirkte sie in Jungenkleidern beinahe wie ein zwölfjähriger Bengel.

Sie spürte das Medaillon an seiner Kette beruhigend warm auf ihrer Haut. Ohne eine Sekunde zu zögern hatte sie alle ihre Besitztümer zurückgelassen. Bei dem einzigen, das für sie von Wert war, handelte es sich ohnehin um das Schmuckstück, das sie nicht ablegte. Niemals. Es barg die letzte Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Die einzige Brücke durch die Zeit zu ihren Eltern. Von ihnen war sie als Baby verstoßen worden. Ungewollt. Dieser Makel haftete an ihrer Seele, und ließ sie niemals vergessen, für wie überflüssig ihr Dasein gehalten wurde.

Ohne dass Erin das Medaillon unter dem kratzigen Leinenhemd hervorholen musste, konnte sie jedes Detail des Schmuckstückes vor ihren Augen entstehen lassen. Das goldene Oval wurde von einem Wappen geziert, das sie bislang noch nirgends gesehen hatte. Erin nahm an, dass es sich dabei um das Symbol des Clans handelte, bei dem ihre Familie lebte. Im Inneren des aufklappbaren Anhängers befanden sich zu Erins ständiger Enttäuschung keine Bildnisse ihrer Eltern. Der Hohlraum enthielt lediglich einen sorgfältig zusammengefalteten Zettel mit den Worten „Bitte sorgt für diese arme Waise.“. Mit dem um ihre Händchen gewundenen Medaillon und der in die Decke gesteckten Nachricht war Erin als Baby von den Nonnen vor der Tür des alten Klosters gefunden worden. Sie hoffte, mit diesen Anhaltspunkten irgendwann Verwandte ausfindig machen zu können. Jemanden, dem sie sich zugehörig fühlen durfte. Jemanden, der sich um sie kümmerte. Jemanden, der sie vor Schwierigkeiten wie den bewahren konnte, in die sie sich gerade selbst gebracht hatte.

Ächzend schrak sie aus ihren Gedanken hoch. Sie hatte solchen Durst! Wenn sie doch an einer Wasserquelle vorbeigekommen wäre. Die Sonne brannte unbarmherzig auf sie nieder. Erin konnte sich kaum mehr im Sattel halten. Lichter tanzten hinter ihren Augenlidern, und die Welt um sie herum begann sich zu drehen. Schnell und immer schneller. Langsam erbarmte sich ihr Körper und ließ sie in tiefes Vergessen gleiten.

In sicherem Abstand verfolgte Liam MacNeal mit drei Männern die einsame Gestalt. Der Rest der Truppe hatte vermutlich in der Zwischenzeit ein Lager errichtet. Hoffte er zumindest bei dem Gedanken daran, dass er andernfalls noch eine Nacht direkt auf dem harten Boden verbringen müsste. Hölle!

Beinahe hätte Erin Liam mit ihrer Verkleidung in die Irre geführt, und er hätte ihre Spur verloren. Doch eine Strähne ihres einzigartigen, rotschimmernden Haares hatte unter der rasch von ihr aufgesetzten Mütze hervorgeblitzt. Um zu verhindern, dass sie panisch reagierte und damit das Pferd verschreckte, war er mit seinen Männern etwas zurückgeblieben. Denn inzwischen hatte er begonnen, sich Sorgen zu machen, dass ihr auf ihrer kopflosen Flucht etwas passieren könnte, sonst wäre er ihr längst nicht mehr gefolgt. Wie es aussah, hatte er mit seinen Befürchtungen Recht behalten.

Als Liam Erin ohnmächtig werden sah, deutete er seinem Gefolge anzuhalten und ritt alleine auf Erin zu. Endlich erreichte er den leblosen Körper, der in der Zwischenzeit vom Pferd gestürzt war. Liam fluchte leise, als er Erin betrachtete. Diese wunderschöne, störrische Göre. Sie hätte vor ihm niemals solch große Angst haben müssen, dass sie glaubte, keinen Ausweg außer Flucht vor ihm zu haben. Dummerchen! Wie wenig sie ihn kannte! Er würde dafür Sorge tragen, dass sein schlechter Ruf nicht noch mehr potentielle Eroberungen verschreckte. Es war seiner körperlichen Gesundheit abträglich, wenn er zu lange auf weibliche Gesellschaft verzichten musste.

Liam lächelte. Dieses feurige Wesen stellte eine ganz besondere Herausforderung dar. Vielleicht sollte er trotz allem, was zwischen ihnen bereits schief gelaufen war, versuchen, sich mit ihr anzufreunden. Als erster Schritt zu ihrer Eroberung.

Jetzt stieg er ab und suchte Erins Arme und Beine nach Wunden ab. Sie hatte sich scheinbar nichts gebrochen. Blieb nur zu hoffen, dass sie keine unsichtbaren Verletzungen bei ihrem Sturz davongetragen hatte. Plötzlich entdeckte er eine Stelle an ihrem Hinterkopf, die leicht blutete. Wenn sie nur keine innere Kopfverletzung erlitten hatte! Das würde er erst ausschließen können, wenn sie wieder zu Bewusstsein kam.

Er bat seinen Freund Walter ihm zu helfen, Erin vorsichtig auf Liams Pferd zu hieven, sodass er hinter ihr Platz nehmen konnte. Die Zügel von Erins Stute nahm Walter in die Hand. Sie ritten gemeinsam mit den zwei anderen Männern zum Rest der Truppe zurück. Erleichtert konnte Liam feststellen, dass bereits provisorisch ein Lager errichtet worden war. Liams Zelt stand in der Mitte der übrigen Unterkünfte, und Liam brachte Erin in die kühle Dämmerung unter dem Leinen. Dort legte er sie vorerst auf mehrere Lagen Felle.

Mit seinen eigenen Händen füllte Liam zwei Matratzen mit Stroh und Moos. Er platzierte sie in zwei gegenüberliegenden Ecken. Wenn Erin aufwachte, beabsichtigte er an ihrer Seite zu sein. Liam hegte die Befürchtung, dass sie, würde sie nachts wieder das Bewusstsein erlangen und ihn erkennen, sofort die Flucht ergreifen würde. Das konnte er ihr nicht einmal verübeln. Sie glaubte allen Grund zu haben, ihn zu hassen.

Er flößte Erin behutsam etwas Flüssigkeit ein. Anschließend wusch er ihr Gesicht mit einem feuchten, kühlen Lappen ab. Währenddessen bewunderte er ihre makellose Schönheit. Schon oft hatte er sich gefragt, warum sie nicht verheiratet war. Es gab viele Männer, die zu arm waren, um Frauen höherer Gesellschaftsschichten um ihre Hand zu bitten. Manche suchten sich ihre Frauen in Waisenhäusern.

Vielleicht hatte sie so abwehrend auf seine Annäherungsversuche reagiert, weil zuvor eine Verbindung mit einem Mann misslungen war. War sie von einem Lüstling ausgenutzt und ins Waisenhaus abgeschoben worden? Es schien schwer vorstellbar, dass diese Frau mit der scharfen Zunge auf einen Charmeur hereingefallen sein könnte. Aber ihr Leben hatte ihn neugierig gemacht. Er würde hinter ihr Geheimnis kommen.

Mit einem Seufzen rief er nach Walter, denn er wagte nicht, Erin aus den Augen zu lassen. Als sein Freund nach einer halben Minute noch nicht da war, brüllte Liam neuerlich: „Walter, wo zum Teufel bleibst du?! … Walter! Verdammt, Walter!“

„Ich bin ja schon da“, antwortete dieser beim Betreten des Zeltes außer Atem.

Walter versuchte einen kurzen Blick auf Erin zu erhaschen. Es war ihm anzusehen, dass er sich mehr für sie interessierte, als für Liams ärgerliches Gesicht. Bestimmt würde er draußen von der Situation in Liams Zelt Bericht erstatten.

Schließlich musste sich Liam zwischen Walter und Erins Bett stellen, um die Aufmerksamkeit seines Freundes zu erlangen.

„Ich möchte, dass du nach Sigleß reitest, um Unterlagen über die Dinge, die in meiner Abwesenheit angefallen sind und die ich hier erledigen kann, zu holen.“

Walter wirkte, als zweifle er an Liams Verstand. „Was? … Aber … das geht doch nicht!“

„Ich kann die Arbeit auf Sigleß nicht unbeaufsichtigt lassen“, meinte Liam ungeduldig.

„Wir werden hoffentlich nicht so lange von Zuhause wegbleiben, dass sich dieser Aufwand lohnt“, widersprach Walter neuerlich. „Du hast erst gestern gesagt, dass wir in höchstens einer Woche zurück sein werden.“

„Dann habe ich meine Pläne eben geändert. Und jetzt mach, dass du fort kommst, und tu was ich dir gesagt habe!“

Walter zog die Augenbrauen zusammen. „Aye, aye. Ich gehe schon.“

„Ach, und bring Garrick von Sigleß her. Vielleicht kann er unseren Aufenthalt hier für Kampfübung nutzen.“

Walter nickte mit gerunzelter Stirn und verließ das Zelt.

Liam blickte ihm einen Moment nach, dann wandte er sich wieder Erin zu. Es würde dauern, bis er die Unterlagen von seinem Wohnsitz zum Bearbeiten bekam. Jetzt hatte er erst einmal genug damit zu tun, sich um Erin zu kümmern.

 


2. Kapitel

„Liam?“, flüsterte eine Stimme, die nicht zu der Frau zu gehören schien, von der Liam gerade träumte. Er seufzte enttäuscht, als Erin die Stirn runzelte. Sie winkte ihm zu und wandte sich ab. Warum entzog sie sich ihm?

Wenig sanft wurde an Liams Oberarm gerüttelt. Erin trat noch einen Schritt von ihm weg. Sie war so wunderschön. Halbnackt und begehrenswert. Warum löste sich ihre Gestalt in Luft auf, wenn Liam sie doch so unbedingt berühren wollte?

Umso größer war der Schock, als Liam beim Öffnen der Augen Walter erblickte. Er räusperte sich und setzte sich aufrecht hin. Sein Gesichtsausdruck sollte strafend wirken, doch das gelang nicht ganz. Er konnte seinen Erregungszustand nur schwer verbergen.

„Was gibt es denn?“, fragte Liam endlich aggressiv.

Sein Freund lachte. „Deine Männer suchen etwas Zerstreuung. Wenn du ihnen ein paar Münzen gibst, werden sie sich selbst darum kümmern.“

„Zerstreuung?“, erkundigte Liam sich mit hochgezogener Augenbraue.

„Frauen.“ Als sich die Falten auf Liams Stirn vertieften, fuhr Walter rasch fort. „Einer der Männer weiß, dass es einen Tagesritt entfernt eine Ansammlung von Hütten gibt, unter deren Bewohnern sich Dirnen befinden. Er hat bereits die Bekanntschaft von Goulda gemacht, und mit ein wenig Geld könnte man sicherlich noch andere Frauen … dazu überreden, eine Zeit lang ins Lager zu ziehen.“

Liam konnte die Bitte der Männer verstehen. Oft blieb Liam nachts ohne Schlaf, weil er ständig daran denken musste, dass Erin in Reichweite neben ihm lag. Blass, lockend und doch unerreichbar. Es kostete Liam große Überwindung, sie nicht auf unanständige Art und Weise zu berühren. Nur in seinen Träumen - in einem Traum wie dem heutigen - war Liam erlaubt, ihrem anbetungswürdigen Körper zu huldigen.

Inzwischen waren bereits mehrere Tage vergangen, in denen sich Erins Zustand nicht verbessert hatte. Liam bestand darauf, dass nur er selbst sich um die junge Frau kümmerte und in seiner Abwesenheit zwei Männer, denen er vertraute, den Eingang bewachten. Er hatte geahnt, dass einigen der Männer draußen nur darauf warteten, endlich wieder eine Frau in ihr Bett zerren zu können.

„Ich weiß nicht …“, murmelte Liam.

„Du kannst nicht erwarten, dass sie nach so langer Abwesenheit von zu Hause nach keiner Frau verlangen. Sie sind nicht so standhaft wie du und ich.“

Er fand Walters Kommentar nicht amüsant. Nicht in der momentanen Situation. Ihm war klar, dass dort draußen Schwierigkeiten auf ihn lauerten.

Seine Männer waren über das lange Warten nicht begeistert. Sie wurden ungeduldig. Eigentlich waren sie nach den zermürbenden Verhandlungen mit einem feindlichen Clan nur zu einem kurzen Abstecher nach Anhold aufgebrochen. Dass Liam dort das Waisenhaus aufgesucht und nun Probleme mit einem Weibsbild hatte, war nicht eingeplant gewesen. Walter hatte Liam erzählt, dass die Männer der Meinung waren, es handle sich ausschließlich um Liams Problem. Sie wollten nach Hause zu ihren Familien oder sehnten sich nach der Umarmung einer Frau. Es war schließlich nichts Schlimmes dabei, das Vergnügen außerhalb des Ehebettes zu suchen.

Liams Falte wurde steiler. Doch er ging zu seiner Truhe und reichte nach kurzem Kramen Walter ein paar Münzen. „Das reicht, hoffe ich.“

Bevor er noch eine Ermahnung hinzufügen konnte, stürmte Walter aus dem Zelt. Von draußen erklang Jubel. Liam bereute augenblicklich seine Zustimmung. Was würde wohl passieren, wenn die Frauen erst mal im Lager waren?

Er hob die Zeltplane und rief Walter hinterher. „Es sollen sich lediglich drei Männer auf den Weg machen. Irgendwer muss das Lager bewachen.“

Dann konzentrierte er sich wieder auf Erin. Er hatte die Bewusstlose mit flüssigem Brei gefüttert, bis Erins Gesicht wieder etwas Farbe bekommen hatte. Aber ging es ihr auch wirklich gut? Vielleicht sollte er nach einem Arzt schicken. Er kannte sich in der Gegend, in die Erins Flucht ihn verschlagen hatte, nicht besonders gut aus. Konnte er Erin von hier wegbringen? Selbst ihm war klar, dass er damit riskierte, ihre möglichen inneren Verletzungen zu verschlimmern.

Während er sich in Gesellschaft seiner Männer befand und sich um ihre Probleme kümmerte, schlugen seine Gedanken immer öfter eine andere Richtung ein. Würde Erin vielleicht gerade in den Minuten, die er sie bei den Mahlzeiten allein ließ, aufwachen? Würde sie ihn gerade jetzt brauchen? Wenn sie Schmerzen hatte? Wenn er ihre Hilfeschreie nicht hörte? Da er sich für ihren momentanen Zustand mitverantwortlich zeigte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich unablässig um sie zu kümmern.

Nachdem er zweimal beim Essen direkt nach dem letzten Bissen hektisch losgestürzt war, um nach Erin zu sehen, gab er auf, den Anschein von Normalität aufrecht zu erhalten. Er beschloss, bei ihr im Zelt zu speisen. Sollten seine Männer sich ruhig hinter seinem Rücken über ihn lustig machen. Hauptsache sie kamen nicht in Erins Nähe.

Er hatte keinem seiner Männer erlaubt, das Zelt für längere Zeit zu betreten. Sobald sie Liams Bestellungen und Wünsche erfüllt hatten, schickte Liam sie wieder weg. Warum er so vorsichtig war, konnte er sich selbst nicht erklären. Inzwischen glaubte die Hälfte seiner Männer vermutlich, er habe den Verstand verloren. In Erins Gegenwart überkam ihn stets das Bedürfnis, sie anzustarren und ihr hübsches Gesicht zu bewundern.

Bildete er es sich nur ein, oder war sie in den Tagen ihrer Bewusstlosigkeit noch schöner geworden? Vielleicht wäre sie ihm nicht mehr böse, wenn sie aufwachte. Vielleicht könnte er sich mit ihr versöhnen, und dann würde er sie dazu bringen, sich in ihn zu verlieben. Sie würde ihm jeden Abend sanfte Liebesworte ins Ohr flüstern, während er sie langsam entkleidete. Jede Nacht würde er sie verwöhnen, bis sie um Erlösung flehte.

Halt! Jede Nacht? Eine absurde Vorstellung, und doch schien die Umsetzung in die Realität erstrebenswert. Hölle! Wollte er diese Nähe tatsächlich eingehen?

Eine Frau hatte in seinem Leben keinen Platz. Schließlich musste er tagein tagaus für die Leute auf Sigleß sorgen, sich um die Geschäfte kümmern, sich auf seine Aufgaben konzentrieren, und … Nun, ja. Frauen hatten trotzdem eine gewisse Rolle in seinem Leben gespielt, gestand er sich ein. Er war ein attraktiver Mann in den besten Jahren und einer Affäre nie abgeneigt. Warum also nicht sein Interesse vorübergehend auf eine einzige Frau konzentrieren? Niemand konnte verlangen, dass er ihr auf Dauer treu blieb. Zuerst musste er ohnehin dafür sorgen, dass Erin sich in ihn verliebte. Sobald sie endlich aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte.

Er schüttelte den Kopf. Seine Wünsche würden nur Träume bleiben. Sobald sie die Augen aufschlug, würde sie sich mit einer Wut auf ihn stürzen, die einem Orkan um nichts nachstand. Den Moment fürchtete und sehnte er gleichzeitig herbei. Wie kam er da auf den verrückten Gedanken, dass sie sich in ihn verlieben könnte? Diese Chance hatte er vertan. Fast wünschte er, die Zeit zurückdrehen und den Verlauf ihrer ersten Begegnung ändern zu können.

In diesem Moment bewegte sich Erin leicht, und er stürzte besorgt an ihre Seite. Und damit waren auch seine ernsten Gedanken verschwunden, um echten Sorgen Platz zu machen.

Zwei Tage später kehrten die drei für die Organisation von Zerstreuung losgeschickten Männer von ihrer Eroberungsjagd zurück. Liam beobachtete vom Zeltausgang, wie sie grinsend und grölend die drei jungen, hübschen Frauen präsentierten. Liam schüttelte den Kopf und ließ die Plane fallen.

Unter normalen Umständen hätte Liam nichts dagegen gehabt, sich von ihnen verwöhnen zu lassen. Doch seit er hier bei Erin saß, war nichts mehr wie zuvor. Er veränderte sich. Verdammt, sie hatte ihn verhext! Durch sie wollte er ein besserer Mensch werden, damit er es wert war, von ihr geliebt zu werden.

Liebe? Warum dachte er plötzlich an Liebe? Nur naive Träumer oder kürzlich der verhätschelnden mütterlichen Hand entflohene Jünglinge konnten glauben, dass dieses Gefühl von Dauer war. Meist handelte es sich ohnehin nur um einen Rausch der Hormone, ein kurzes Aufflackern von Leidenschaft, welches beides der Realität nicht standhielt. Er selbst hatte diesen Taumel der Emotionen in seiner Vergangenheit gekannt. Aye, auch er war einmal verliebt gewesen. Das war lange her und würde sich nicht mehr wiederholen, wenn er es vermeiden konnte. Er hatte nur Schmerz dadurch erfahren.

Aber von Erin geliebt zu werden, wäre für ihn ungefährlich und würde seinem Leben wieder einen Sinn geben. Welche schöne Vorstellung, wenn sie für immer an seiner Seite wäre! Ihre Art, sich nichts gefallen zu lassen und ständig ihre Meinung zu verlautbaren, rang ihm Respekt ab. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte sie allen Ernstes behauptet, seine über die Lande hinaus gerühmte Attraktivität würde nicht der Wahrheit entsprechen. Dazu würden die im Kampf erworbenen Narben sein Gesicht zu sehr entstellen. Die anderen ihm zugeschriebenen Eigenschaften müssten also ebenfalls der Fantasie kichernder Weiber entsprechen. Wem hatte sie etwas vormachen wollen? Sie war trotz ihrer Kommentare von ihm hingerissen gewesen.

Liam ließ sich auf sein Bett fallen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und legte seine Knöchel übereinander. Von draußen drang das Stöhnen einer Frau zu ihm. Vermutlich vergnügte sich im Zelt nebenan einer seiner Männer mit ihr. Die Frau stöhnte lauter.

„Hölle! Das ist Folter.“ Er schloss die Augen, presste die Augenlider zusammen. „Denk an etwas anderes!“

Es kam nicht in Frage, sich bei den drei Frauen im Lager Erleichterung zu verschaffen! Doch als der Schlaf ihn übermannte, ließ sich seine Sehnsucht nicht verleugnen.

In seinem Traum begegnete er einer Frau, die er vor langer Zeit gemocht hatte. Die einzige Frau, der er treu bleiben wollen hatte. Sie war Erin sehr ähnlich gewesen, hatte dasselbe rotblonde Haar gehabt und war ebenso eigensinnig gewesen. Liam hatte beabsichtigt, sie zu heiraten, obwohl er sie erst drei Monate gekannt hatte. Die junge Frau war in einem Kampf mit einem arroganten Engländer von einem Schwerthieb getroffen worden, der eigentlich ihm gegolten hatte. Er dachte nicht gerne an die Zeit danach. Der rachsüchtige, brutale Mensch, der er im ersten Jahr nach ihrem Tod gewesen war, erschreckte ihn noch heute.

Liam sah seine Verlobte vor sich, und langsam überlagerte Erin das Bild der Frau. Instinktiv wusste er, dass sie ihn dieses Mal nicht zurückweisen würde. Erin hatte nur ein dünnes Nachthemd an, und Liam konnte durch das hinter ihr stehende Licht die Konturen ihrer schmalen Taille und ihrer endlos langen Beine erkennen. Als sie näher kam, enthüllten sich unter dem hauchdünnen Stoff ihre Brüste seinem Blick. Das Wesen vor ihm lächelte wissend. Benebelt spürte er, wie die langen, zarten Finger ihrer Hände durch sein Haar fuhren. Da schloss er sekundenlang die Augen. Erin wartete, bis er sie wieder öffnete und begann dann, ihr Nachthemd abzulegen. Sie tat es quälend langsam und blickte ihm dabei die ganze Zeit ins Gesicht. Endlich fiel es zu Boden und blieb als ein Häufchen Stoff liegen. Ihm stockte der Atem angesichts ihrer Schönheit. Er setzte sich auf, um ihre Brüste zu berühren.

In diesem Moment hörte er neben sich leises Seufzen und wurde davon aus seinem Traum gerissen. Frustrierend, wieder gestört worden zu sein, bevor er Zärtlichkeiten mit Erin austauschen können hatte. Als Liam sich aufrichtete, bemerkte er, dass Erin die Augen geöffnet hatte.

Liam eilte zu Erin und beugte sich über sie. „Wie geht es Euch? Habt Ihr Durst?“

Erin starrte ihn mit erschrockenem Gesichtsausdruck an. „Wo bin ich? Ihr sprecht gälisch. … Oh, mein Kopf.“

Liam half ihr, sich aufzurichten. „Ihr befindet Euch in meinem Lager.“

„Was ist passiert?“

„Ihr seid gestürzt. Ich hoffe, Ihr seid mir nicht mehr böse.“

Nun schien Erin vollkommen verwirrt. „Nay, ich glaube nicht … Aber … Wer seid Ihr überhaupt?“

Einen Augenblick lang stutzte Liam. Hatte sie ihr Gedächtnis verloren? Er erinnerte sich an die Verletzung, die er nach dem Sturz an ihrem Hinterkopf entdeckt hatte. Vielleicht erklärte das ihre fehlende Erinnerung. „Legt Euch wieder hin, und versucht zu schlafen.“

Seine Gedanken rasten. Sie konnte sich an ihr letztes Zusammentreffen nicht mehr erinnern. Sie wusste nicht einmal mehr, um wen es sich bei ihm handelte. Sie ermöglichte ihnen einen neuen Anfang.

„Wasser, bitte“, murmelte sie.

Er griff nach einem der Becher auf dem Tischchen in der Mitte des Raumes und flößte Erin etwas Flüssigkeit ein.

„Mein Kopf fühlt sich an, als würde jemand unablässig darauf einschlagen. Rührt das von meinem Sturz her?“

„Vermutlich. Der Schmerz wird hoffentlich bald vergehen.“

„Danke für Eure Hilfe.“

Trotz seines schlechten Gewissens nickte er. „Ich kümmere mich gerne um Euch.“

Erin schloss die Augen.

„So ist es gut. Ruht Euch aus.“

Kurz darauf war sie wieder eingeschlafen.

Liam bewunderte ihr faszinierendes Gesicht und lächelte. Sie wirkte mit ihrem bleichen Antlitz und den rötlichen Haaren auf den weißen Laken wie ein Engel. Plötzlich entstanden wieder die Bilder aus seinem Traum vor seinen Augen. Wie sehr begehrte er sie! Er sehnte er sich nach jemandem, der sein Bett mit ihm teilte. Vielleicht auch eine Zeit lang sein Leben. Und er mochte verflucht sein, wenn diese Person nicht Erin hieß.



3. Kapitel

Einige Tage vor Erins Flucht

„Was habt Ihr hier zu suchen?“, blaffte Erin kurz angebunden und funkelte ihn mit wütendem Blick unter gerunzelter Stirn an.

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. „Ich war auf der Suche nach Euch.“

„Ich habe keine Zeit für diese Spielchen. Ich muss arbeiten.“ Ihre Unhöflichkeit musste ihn vor den Kopf stoßen. Doch die Ameisen, die bei seinem Grinsen in ihrer Magengegend losgekrabbelt waren, ließen sie aggressiver reagieren, als es einem Mann seines Standes gegenüber angebracht war. Weshalb suchte er überhaupt ihre Nähe? Es gab genug Frauen in der Umgebung, die sich ihm auf ein Zeichen seines Interesses hin an den Hals geworfen hätten. Was also fand er an ihr, dem grauen Mäuschen? Was sah er, das sie selbst beim Blick in den halbblinden Spiegel aus der Kommode der Mutter Oberin nicht entdeckte? Oder wollte er einfach nur einem Freund etwas beweisen? War sie lediglich ein Versuchsobjekt?

Er beobachtete sie, wie sie Futter in dem Trog verteilte. Dann ging sie zur nächsten Pferdebox und strich dem Hengst über die Nüstern.

Sie meinte an der Wärme in ihrem Nacken seinen Blick zu spüren. „Habt Ihr keine Angst, Eure edle Kleidung zu beschmutzen? Ich nehme an, dass dieses Hemd mehr gekostet hat, als meine gesamte Garderobe.“ Zumindest betonte es die grünen Sprenkel in seinen braunen Augen vorteilhaft.

„Da will ich Euch nicht widersprechen.“ Sein Blick glitt über den abgetragenen und mehrmals geflickten Stoff, und seine rechte Augenbraue hob sich. „Hölle! Ihr könntet Euch tatsächlich etwas besser kleiden.“

Sie würdigte ihn keines Blickes. „Für die Arbeit ist das nicht notwendig. Sobald ich die nächste Einladung zu einem Ball erhalte, werde ich Euren Rat beherzigen.“

Liam musste lachen.

„Reicht Ihr mir die Heugabel?“, bat sie. Was würde wohl ihre Freundin Anne sagen, wenn sie ihr von seinem neuerlichen Auftauchen erzählte? „Bei der Jungfrau Maria, Erin. Dieser Mann beweist mehr Ausdauer bei deiner Belagerung als Vater Brennan beim Einhalten der zehn Gebote.“ Sie unterdrückte ein Lächeln. Ihre Widerspenstigkeit bei jeder ihrer vier Begegnungen stellte wohl eine große Herausforderung für seinen männlichen Stolz dar.

Er reichte ihr das Arbeitsgerät.

„Ich weiß nicht, warum man Euch überhaupt gesagt hat, dass ich mich hier aufhalte. Es muss mit Eurem Ruf zu tun haben.“

„Weil ich bei Frauen so beliebt bin?“

Glaubte er, selbst Nonnen könnten sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen? „Nay, weil Ihr so viel Macht besitzt.“

„Ich habe gehört, dass Ihr eine gewisse Fähigkeit besitzt.“

„Wie bitte?“ Ihre Stimme überschlug sich, während sie sich ihm zuwandte. Was wollte er andeuten?

„Eure Hände … Ihnen werden heilende Kräfte nachgesagt.“

Sie entspannte sich. „Durch Handauflegung habe ich Schwester Agathe bei ihrer Arthritis geholfen und die Schmerzen einiger Kinder geheilt. Habt Ihr ein Problem, bei dem Ihr Unterstützung braucht?“

Ein breites, schamloses Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das habe ich tatsächlich. Wir könnten ein ruhiges Plätzchen suchen, ich lege meine Kleidung ab und zeige Euch, wo es schmerzt.“

Auch wenn sie unerfahren war, hatte sie eine dunkle Ahnung, worauf er anspielte. Ihr Gesicht überzog sich mit Röte. „Für diese Komplikationen fühle ich mich leider nicht zuständig.“ Sie mied seinen Blick und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Seine nächste Frage kam abrupt. „Wann seid Ihr hier fertig?“

„Es dauert noch. Weshalb fragt Ihr?“

„Das Wetter ist herrlich …“

„Nay!“ Der Widerspruch kam automatisch. Einem Mann wie MacNeal würde sie niemals freiwillig zustimmen. „Der Wind ist stark genug, um mir den Hut vom Kopf zu wehen.“

„Trotzdem … Wir könnten …“ Er zögerte und überlegte. Dann fuhr er sich durch die schwarzen, schulterlangen Haare. „Wir könnten einen Spaziergang machen?“

Sie runzelte die Stirn. „Ein Spaziergang? Ich fürchte, ich verstehe nicht. … Wieso sollten wir das tun?“ Ihr war nicht einmal klar, weshalb er hier in ihrer Nähe herumscharwenzelte, obwohl sie doch so offensichtlich kein Interesse an einer Vertiefung ihrer Bekanntschaft zeigte.

„Nun … Wir könnten uns unterhalten … uns ein wenig besser kennenlernen?“

„Wozu?“

Liam seufzte. „Das macht man doch so, wenn man sich mag.“

„Ich mag Euch aber nicht“, widersprach sie. „Außerdem habe ich keine Zeit dafür. Später warten die Kinder auf mich. Und vorher muss ich unbedingt die Ställe fertig ausmisten. Mit dem Verdienst, den ich durch diese Aufgabe dazuverdiene, kann ich mir vielleicht irgendwann einmal ein solches Kleid leisten, von dem Ihr gesprochen habt.“

„Ich könnte es Euch kaufen.“

„Welche Gegenleistung würdet Ihr dafür wohl verlangen?“, murmelte sie und ahnte nur zu genau, wie die Antwort ausfallen würde.

Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht einen Kuss?“

„Danke für dieses großzügige Angebot. Aber es würde mich zu viel Überwindung kosten. … Ich kann ohnehin selbst für mich sorgen.“

„Diese Herausforderung nehme ich an“, murmelte er mit verärgertem Blick.

Bevor ihr klar wurde, was er vorhatte, hatte er die Mistgabel zur Seite geworfen und sie an sich gezogen. Seine Lippen pressten sich auf ihre.

Sie räumte ihm keine Gelegenheit ein, seine vielgerühmten Verführungskünste zur Anwendung zu bringen. Stattdessen stieß sie ihn von sich und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

„Das reicht nicht“, verkündete er und wollte sie neuerlich küssen.

Bevor sein Mund ihren erreicht hatte, drückte sie ihn mit beiden Händen von sich. „Nay! Ihr geltet als Herzensbrecher, werdet aber trotzdem keine Probleme haben, ein willfährigeres Opfer für Eure amourösen Absichten zu finden.“

„Ein gewisser Teil meines Körpers bildet sich allerdings ein, dass ich genau Euch besitzen sollte.“ Sein Finger strich über ihre Wange.

Die unbekannten, warmen Gefühle, die sie dabei durchströmten, verursachten mehr Panik in ihrer Magengrube, als es der Fall gewesen wäre, wenn er sie mit einer Waffe bedroht hätte. Sie versuchte, ihn weiter von sich zu schieben, doch seine freie Hand hielt ihren Arm umklammert. „Lasst mich los, oder ich schreie um Hilfe!“

„Ich dachte, Ihr würdet niemanden brauchen, der für Euch einsteht“, lachte er.

Erin rang um Atem. Sie empfand keine Angst vor Liam MacNeal. Er würde keine körperliche Gewalt anwenden. Sein Wort besaß allerdings zu viel Gewicht, um seine Rache nicht zu fürchten. „Ich wollte Euch nicht beleidigen.“

„Dann solltet Ihr nicht behaupten, Euch vor mir zu ekeln. Mein Fingerspitzengefühl ist weithin bekannt.“ Er ließ ihren Arm los und tätschelte den Kopf des Pferdes in der Koppel neben ihm.

Sie beobachtete seinen sanften Umgang mit dem Tier. „Ich habe gehört, dass Ihr gut mit Pferden umgehen könnt. Allerdings bezweifle ich, dass Ihr es mit meinen Reitkünsten aufnehmt“, meinte sie keck. „Ich verstehe auch nicht, wie Eure Fertigkeiten auf dem Pferd mit meiner Weigerung, Euch zu küssen, in Zusammenhang stehen sollen.“

Er hob den Blick. „Vielleicht kommt Ihr noch in den Genuss, die wahre Bedeutung meiner Worte herauszufinden. Was Eure Behauptung betreffend Eurer Fähigkeiten anbelangt … Lasst uns einen Wettkampf austragen“, schlug er vor. Der Anfang vom Unglück.

Erin war misstrauisch genug, um die Stirn zu runzeln und zu zögern.

„Ein Wettkampf? Mit Einsatz?“

Er nickte.

Ihre Finger tasteten nach der Kette um ihren Hals. Sie und der Anhänger, der sich daran befand war alles, was ihr gehörte. Eine Hinterlassenschaft ihrer Eltern, die sie als Baby alleine zurückgelassen hatten. Mehrmals war sie bereits kurz davor gewesen, ihn um Hilfe zu bitten, um ihr Informationen über ihre Familie zu beschaffen. Er besaß die Möglichkeiten und Verbindungen, um zu erfahren, was ihr Herz begehrte. Doch ihm einen Gefallen schuldig zu sein, kam nicht in Frage. „Ich besitze nicht viel.“

„Es wird Euch kein Geld kosten“, versprach er. „Es gibt noch anderes, das Ihr mir schenken könnt.“

MacNeal wollte vermutlich seinen Kuss und glaubte, mit ihr leichtes Spiel zu haben. Wenn er sich da nicht überschätzte. Er konnte nicht ahnen, dass es sich bei ihr um eine geübte Reiterin handelte. Sie könnte ihm mit einem Sieg die Arroganz aus dem Gesicht wischen. Es gab keine bessere Möglichkeit, ihn ein für alle Mal los zu werden. „Worum soll es sich handeln?“

„Der Verlierer muss dem Sieger einen Wunsch erfüllen“, meinte Liam.

Sie überlegte. „Es darf nichts Unmögliches sein.“

„Aye.“

„Einverstanden“, antwortete sie gedehnt nach ein paar Sekunden des Schweigens. Sie hatte da bereits eine Idee. Wie naiv im Nachhinein gesehen. Doch sie hatte sich trotz besseren Wissens auf MacNeals Ehrgefühl und Anstand verlassen. „Wann soll das großartige Ereignis stattfinden, das Eure sichere Niederlage werden wird?“

Er lachte neuerlich. Und fühlte sich offensichtlich siegesgewiss. „Leider habe ich heute noch Geschäftliches zu erledigen. Sobald ich wieder in der Stadt bin, werden wir den Wettkampf austragen. Möge der Bessere gewinnen.“

    [...]

 

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