Leseprobe zu Des Verführers Gast


1. Kapitel

Amerika / 1866

„Jacky, ich habe im Stationshäuschen einen Mann getroffen, der auch auf dem Weg nach Similtown ist. Was für ein schöner Zufall!“, meinte Annabell. Ihre brünetten Zöpfe flogen, und ihre blauen Augen blitzten, als sie näherkam.

Jacky lächelte ihre Schwester liebevoll an. „Hast du schon wieder mit fremden Leuten gesprochen, Bell? Wir hatten doch abgemacht, dass du dich etwas zurückhältst.“

Annabell blickte betreten. „Tut mir leid. Es kommt nicht wieder vor.“

Wenn sie ihrer Schwester nur Glauben schenken dürfte! Leider wusste Jacky nur zu genau, dass Annabell ihr Versprechen bald wieder vergessen haben würde.

Sie starrte in die Ferne. Obwohl sie sich direkt vor ihren Augen befanden, registrierte sie weder die aus Holzlatten gezimmerten Häuser, von denen die Farbe abblätterte, noch die ungepflegten Vorgärten an der staubigen Straße. Die heruntergekommene Gegend unterschied sich nicht wirklich von unzähligen anderen, von den Nachwehen des Krieges gebeutelten Orten. Und bevor sie am Ende ihrer Reise angelangt waren, würden noch unzählige weitere dieser namenlosen Dörfer an ihr vorbeiziehen.

Jacky zog den groben, abgewetzten Stoff ihrer Jacke enger um sich. Aus ihrer Sicht schien es zu kalt für diese Jahreszeit. Fern von der Heimat empfand sie die Luft wohl auch kühler als sie wirklich war. Sehnsüchtig dachte sie an ihr Zuhause. An die kleine, gemütliche Farm, in der stets Lachen zu hören war.

Ihre Eltern waren freundliche Menschen gewesen und hatten stets jeden willkommen geheißen, der an ihre Tür klopfte. Viele kamen als Fremde zu den Morningtons und gingen als Freunde. Auf der Veranda ihrer Farm spannten sie eigens für Übernachtungsgäste eine Hängematte.

„Wir beherbergen pro Jahr mehr Leute als das Hotel im nächsten Ort“, witzelte Adam.

„Ich darf dir widersprechen, Bruderherz“, warf Jacky damals ein. „Der Unterschied zwischen dem Waltmans und uns besteht darin, dass das Hotel mit seinen Gästen Geld verdient und wir nicht.“

Jedes Wochenende versammelte sich im Sommer außerdem die Nachbarschaft in ihrem Garten, um Neuigkeiten auszutauschen und Probleme zu besprechen. Diese Tradition begründete sich schon vor Jackys Geburt. Damals half Jackys Vater Geschichten zufolge mit viel Geschick zwei Familien, einen lange bestehenden Streit niederzulegen.

Es war der ganz besondere Charme der Morningtons, der sie so beliebt machte. Wenn sich Jacky an sie zurückerinnerte, sah sie ihre Eltern immer lächeln. Doch nun waren sie tot. Dahingerafft im Krieg, genau wie ihre beiden Söhne.

Schmerz durchzuckte Jackys Herz. Sie zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Ihr Leid würde es ihr nicht leichter machen, in dieser Welt zurechtzukommen. Sie musste an ihre Schwester Annabell denken. Wenn sie sich nicht um sie kümmerte, wer sollte diese schwere Aufgabe dann übernehmen?

Seit dem Tod ihrer Eltern vor einem Jahr hatte Jacky mit Hilfe ihrer Schwester mehr recht als schlecht versucht, die Farm in Schuss zu halten. Nun hatte sie schweren Herzens aufgeben müssen. Es fehlte ein Mann im Haus, der von Arbeitern akzeptiert wurde. Sie hatten alles weggeschlossen, die Fenster und Türen vernagelt und schließlich die Farm verlassen. Jacky war es nicht leicht gefallen, aber sie hatte einsehen müssen, dass es keinen anderen Weg gab. Sie hoffte nur, dass die Farm in ihrer Abwesenheit nicht geplündert wurde. Ob bei ihrer Rückkehr neue Bewohner auf sie warten würden? Würden sie tierischer oder menschlicher Natur sein? Es blieb zu hoffen, dass sorgsam mit ihrem Eigentum umgegangen wurde, egal um wen es sich bei den Besuchern handelte.

Leise seufzte sie. In diesem Moment zog Annabell Jacky am Ärmel und forderte neuerlich ihre Aufmerksamkeit. „Das ist er, der Mann, mit dem ich mich unterhalten habe.“

Aus der Tür trat ein Mann, der mit seinen hellbraunen kurzen Haaren und seinen grau-blauen, freundlich wirkenden Augen kaum älter als Jacky schien. Jacky musste zugeben, dass er sehr gut aussah, mit ein wenig zu weichen Gesichtszügen vielleicht, aber sehr flott zurechtgemacht. An seiner überkorrekten, modischen Kleidung erkannte sie, dass er aus gutem Haus stammen musste. Der elegante, leicht zu knitternde und verschmutzende Stoff war nicht gerade das, was sie für eine lange, unkomfortablen Reise mit dem Zug gewählt hätte. Trotzdem fühlte sie sich in ihrem abgetragenen Kleid noch schäbiger als zuvor.

Der Fremde kam auf die beiden Frauen zu.

„Mein Name ist David Deroware. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Er verbeugte sich galant.

Jacky lächelte. Ihr Blick wanderte zu dem aufwendigen Knoten seiner auffälligen Krawatte. Sie war in modischen Dingen nicht sonderlich bewandert, doch sie glaubte, dass es sich um einen Windsor-Knoten handelte. „Jaqueline Mornington. Sehr erfreut. Meine Schwester Annabell haben Sie bereits kennen gelernt, wie ich höre.“

„Das stimmt.“ Seine Augen blitzten vergnügt, und er beugte sich zu Annabell. „Wir haben uns schon angefreundet.“

Annabell strahlte zu ihm auf, und Jacky wurde klar, dass ihre Schwester für diesen jungen Mann schwärmte. Hoffentlich verrannte sie sich da in nichts. Bell war mit ihren siebzehn Jahren zwar im heiratsfähigen Alter, der junge Mann stammte seinen Manieren nach zu schließen allerdings aus einer Gesellschaftsschicht, der sie sich niemals zugehörig fühlen durften.

Jacky blickte sich auf dem Bahnsteig um. Außer ihnen wartete nur noch ein älteres Ehepaar auf die Abfahrt. Jacky war sich nicht sicher, ob sie diese Tatsache eher beunruhigend oder erfreulich bezeichnen sollte.

„Ich habe erfahren, dass Sie alleine nach Similtown reisen.“

Jahre später sollte sie diese Begegnung als schicksalshaft bezeichnen. Im Moment ärgerte Jacky sich allerdings nur über die Tatsache, dass Bell die Gutmütigkeit ihrer Eltern geerbt hatte. Wenn ihre Offenherzigkeit Fremden gegenüber nicht gar als weltfremd zu bezeichnen war. Sie warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu. „Meine Schwester scheint sehr gesprächig gewesen zu sein.“

Es stand ihnen eine anstrengende Reise nach Browtown mit einem Zwischenstopp in Similtown bevor. In Browtown wollten sie Matt Mornington aufsuchen. Bei Onkel Matt handelte es sich um den jüngeren Bruder ihres Vaters. Nach dem Tod ihrer Eltern und ihrer Brüder war der selten korrespondierende Onkel ihre einzige Hoffnung, um für ihre Schwester sorgen zu können. Vielleicht konnte er Bell bei sich aufnehmen. Eine kleine Kammer würde Bell schon reichen. Jacky selbst würde irgendwo Arbeit finden. Was sollte der Onkel auch mit zwei jungen Frauen anfangen? Jacky war als ältere Schwester dafür verantwortlich, dass es Annabell gut ging. Und wenn Jacky dazu bei fremden Leuten auf Knien Fußböden schrubben musste, dann würde sie das selbstverständlich in Kauf nehmen.

Mr. Deroware lachte in ihre Gedanken hinein. „Keine Sorge. Sonst hat Ihre Schwester mir keine persönlichen Informationen verraten. In Anbetracht der Umstände wäre es mir eine Ehre, wenn Sie sich unter meinen Schutz stellen. Mich begleiten zwei Diener, die Ihnen selbstverständlich zur Verfügung stehen.“

„Danke, das ist sehr freundlich aber nicht notwendig“, machte Jacky klar. „Allerdings würde es mich sehr beruhigen, wenn wir uns Ihnen anschließen dürften. Mir scheint, als würden zwei Frauen, die alleine unterwegs sind, verstärkt die Aufmerksamkeit von Männern auf sich lenken.“ Bei diesen Worten vermied sie es, Bell neuerlich mit einem missbilligenden Blick zu strafen.

„Wie haben Sie den Verlauf Ihrer Reise geplant?“

„Vielleicht steigen wir zuerst ein, bevor wir uns weiter unterhalten“, unterbrach Jacky. Auf dem Bahnsteig erklang soeben die Durchsage betreffend die Abfahrt des Zuges. Also suchten sie gemeinsam einen Platz in einem der Wagons. Ihr Gepäck war bereits in den Schlafabteilen untergebracht worden.

„Wir sind mit der Kutsche von Mellacity hierhergekommen“, berichtete Jacky, nachdem sie es sich gemütlich gemacht hatten. „Wir wollten mit dem Zug bis nach Similtown fahren. Dort werde ich entweder eine Kutsche mieten, oder wir reiten mit unseren Pferden weiter.“

Mr. Derowares Gesichtsausdruck wirkte erstaunt. „Sie haben Pferde dabei?“

Einen Moment zögerte Jacky unschlüssig, ob sie diesem Fremden Einzelheiten anvertrauen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem jungen Mann um einen Verbrecher handelte, schien ihr gering. Trotzdem durfte sie nicht außer Acht lassen, dass sie nichts über Mr. Deroware wusste. Beim Blick in seine ehrlichen, interessierten Augen sprang sie allerdings über ihren Schatten. „Unsere Eltern und Brüder sind im Krieg umgekommen. Ich habe während des letzten Jahres unsere Farm weitergeführt, aber allein schaffe ich es nicht mehr. Deshalb sind wir mit unseren Habseligkeiten und zwei der Pferde, die uns noch geblieben sind, auf dem Weg zu unserem Onkel Matt Mornington nach Browtown, um ihn um Hilfe zu bitten.“

„Matt Mornington?“, rief ihr Begleiter. Er schüttelte mit ungläubig hochgezogener Augenbraue den Kopf. „Bei ihm handelt es sich um einen Nachbarn von uns. Dann können Sie selbstverständlich ab Similtown in meiner Kutsche reisen.“

„Danke für Ihr großzügiges Angebot. In diesem Fall nehmen wir es gerne an.“ Jacky war erleichtert. Ihr weiteres Fortkommen hatte ihr einiges Kopfzerbrechen bereitet, doch nun schien ihr das Schicksal die Entscheidung abgenommen zu haben. Was für Überraschungen mochte die Bekanntschaft mit Mr. Deroware noch bereithalten?

Sie plauderten eine Weile, während sich die Dunkelheit draußen langsam über das Land senkte. David Deroware entpuppte sich als netter, charmanter Mann, der seine Freundlichkeit ohne zu zögern an Fremde verschenkte. Jacky ahnte, dass sie in ihm einen guten Freund gefunden hatten. Bell strahlte ihn weiterhin mit verliebtem Gesichtsausdruck an. Er ließ sich allerdings nicht anmerken, dass ihm diese unübersehbare Tatsache bewusst war. Wie überaus rücksichtsvoll von ihm!

Schließlich beschloss Jacky, sich mit Bell auf den Weg zu den Schlafabteilen zu machen. Jacky hatte von Waggons gehört, die mit Samt und Seide ausgekleidet und mit edlen Möbeln, Dekorationsgegenständen und einem Privatbutler, der jeden Wunsch erfüllte, bestückt waren. Ihres Wissens nach hatte George Mortimer Pullman wohl den luxuriösesten Schlafwagen seiner Zeit entwickelt. Ein Privileg aus besseren Tagen, auch damals schon nur einer Schicht vorbehalten, der sie nicht angehören würden.

Auf der Strecke, die vor ihnen lag, kamen dennoch zum Teil Schlafwaggons zum Einsatz, die hohen Komfort gewährten. Diesen Luxus konnten sie sich in ihrer momentanen finanziellen Situation genauso wenig leisten wie übermäßigen Stolz. Jacky seufzte. Sie äußerte, dass sie bezweifelte, in den etwas mehr als fünf Quadratmeter großen Kabuffen zur Ruhe kommen zu können. Natürlich kleidete sie ihren Unmut darüber in damenwürdigere Worte.

Mr. Deroware beruhigte sie. „Das Geräusch der Schienen kann sehr einschläfernd wirken. Sie werden bestimmt nicht lange wach bleiben. … Darf ich Sie beide morgen zum Frühstück einladen?“

„Gerne, Mr. Deroware“, antwortete Jacky. „Ich werde dem Schaffner sagen, er soll uns alle für acht Uhr wecken, wenn Ihnen das recht ist.“

Mr. Derowares Gesicht verzog sich ein wenig. „Können wir uns vielleicht auf neun einigen? Früher bin ich noch nicht ansprechbar.“ Er lachte unbekümmert.

„Natürlich, Mr. Deroware“, meinte Jacky, obwohl sie bei sich dachte, dass es dem jungen Mann scheinbar an Elan mangelte. „Bis morgen.“

„Gute Nacht, meine Damen.“

Bell sandte ihm noch ein verzücktes Lächeln und einen anbetungsvollen Blick hinter halb gesenkten Wimpern. „Gute Nacht, Mr. Deroware.“

Jacky musste sie schließlich davonziehen.

„Wie kannst du dich nur so anstößig benehmen?“, beschwerte sich Jacky, als sie im Abteil angekommen waren. „Mr. Deroware muss dein wenig verstecktes Anhimmeln furchtbar unangenehm sein.“

„Ach, Jacky!“, rief Bell und ließ sich auf ihr Bett fallen. „Er ist so groß und stattlich, einfach himmlisch. Einen Mann wie ihn hätte ich gerne als Ehemann.“

Jacky schüttelte den Kopf, während sie ihren Koffer auspackte. Sollte nicht wenigstens ihre Schwester die Möglichkeit haben, ihre Jugend ohne die Bürde von Verantwortung zu genießen? „Lass dir mit dem Gedanken an Heirat bitte noch etwas Zeit. Wenn wir erst ein neues Zuhause gefunden haben, wirst du viele nette Männer kennenlernen. Vielleicht ist dann einer dabei, der dir besser gefällt als Mr. Deroware.“

„Keiner wird David je das Wasser reichen können.“

Sie starrte ihre Schwester finster an. „Wehe, du nennst ihn in seiner Anwesenheit so. Das gehört sich nicht. Scheinbar habe ich dir nicht genug Taktgefühl beigebracht.“ Ein Seufzer kam über ihre Lippen.

„Ein gutaussehender Mann wie David kann sicher furchtbar gut küssen und ist vermutlich sehr zärtlich. Er muss im Laufe seines Lebens viel Erfahrung gesammelt haben“, meinte Bell träumerisch. „Vielleicht sollte ich ihn bitten, mir seine Kusskünste beizubringen.“

„Bell!“, rief Jacky entsetzt. Sie setzte sich nun ebenfalls auf ihr Bett und schloss die Augen.

Wie sollte sie mit diesem Wildfang zurechtkommen, mit dem an manchen Tagen sogar ihre Eltern überfordert gewesen waren? Mehr als einmal war Bell für Stunden verschwunden und dann mit Matschflecken auf dem Kleid und Grashalmen im Haar zurückgekehrt. Unkontrollierbar. Das war das Wort, das ihr bei Bells Verhalten einfiel. Wie sollte sie es bloß alleine schaffen, für Bell und sich selbst ein annehmbares Leben zu gestalten? Die Verantwortung wog schwer auf ihren Schultern.

Plötzlich drückte Bell sich von hinten an sie und umarmte sie. „Es wird schon alles gut werden, Jacky. Das weiß ich. Ich werde mich züchtig benehmen. … Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass ich David heiraten werde. Und für dich finden wir auch noch einen netten Mann.“

Jacky musste ob Bells Naivität lächeln. Wenn es nur so einfach wäre! Wenn das Leben nur so großzügig seine glückbringenden Gaben verteilen würde! Das Schicksal ließ sich einen Anteil am Paradies von Menschen ihrer Gesellschaftsschicht nur nach hartem Kampf abtrotzen. Wenigstens hatte sie ihren Sonnenschein, der ihr half, das Positive in jeder Situation zu entdecken. Wie gerne hätte sie die Dunkelheit der Zukunft genauso leicht vertrieben wie ihre Schwester. Sie wandte sich um und drückte Bell fest in ihre Arme. „Du hast sicher Recht. Alles wird sich weisen.“

 

[...]

 


5. Kapitel

Clives Blick wurde von der Frau am anderen Ende des Raumes wie magisch angezogen. Natürlich zeugte sein plumpes Starren nicht unbedingt von Höflichkeit. Sein Blick allerdings folgte nicht den Ansprüchen gesellschaftlicher Norm sondern tastete die Silhouette ihres Körpers ab.

Seine letzte Affäre lag bereits einige Zeit zurück. Zu lange Zeit. Die Farm hatte seiner vollen Konzentration bedurft. Doch dieses weibliche Exemplar dort drüben erregte mehr als seine Aufmerksamkeit. Das einfache, beige Kleid, das sie trug, betonte ihre zarte Haut und ihre unbeschreiblich faszinierenden Augen. Er unterhielt sich mit diversen Frauen im Raum, die ihn umschwirrten wie Motten das Licht. Wenn er daran dachte, dass er gemeinhin als begehrter Junggeselle bezeichnet wurde, musste er lachen. Nach diesem guten Fang angelten viele Fischerinnen. Die meisten der anwesenden Frauen hatten ihm ihren Köder bereitwillig zum Fraß vorgeworfen und würden es jederzeit wieder tun, ohne jemals ans Ziel zu gelangen. Dennoch wanderten nun seine Blicke wie von selbst immer wieder zu der schlanken Gestalt der Fremden.

Wer war sie? Er hatte sie noch nie auf einer Veranstaltung in der Gegend gesehen. Hatte David sie eingeladen? Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Davids Braut! Enttäuschung machte sich in seinen Lenden bemerkbar. Deshalb hatte David sie im Gästehaus versteckt. David hatte Angst vor ihm, vor seiner Konkurrenz. Verständlich. Weshalb sollte solch ein Juwel an seinen Bruder verschwendet werden?

Clive schalt er sich für diesen Gedanken. Bei all seinen Eroberungen hatte er stets darauf geachtet, nicht in das Gehege seines Bruders zu kommen. David war ein herzensguter Mensch. Er half ihm auf der Farm, wo er nur konnte und wenn er auf dem Deroware-Besitz anwesend war. Meist drückte David sich schüchtern in einer Ecke herum, statt Frauen, die ihn interessierten, anzusprechen. Mit seiner übertriebenen Sensibilität und seinem verständnisvollen den-Wünschen-der-Angebeteten-von-den-Augen-Ablesen musste er als Traum von einem Ehemann für jede Frau gelten, die zu manipulieren wusste. Der Reichtum seiner Familie machte ihn zu dem zweitbegehrtesten Junggesellen in diesem Raum.

Mit einem Seufzen machte Clive sich klar, dass David ein Träumer war, ein Phantast, der den Tag gedankenverloren auf einem Feld in der Sonne liegend verbringen konnte. Die Frau dort drüben machte allerdings einen sehr bodenständigen Eindruck. Aber was ging es ihn an, was sie an David fand, solange sie es schaffte, aus ihm einen verantwortungsbewussten Mann zu formen?

Als Davids Braut über eine heitere Anekdote ihres Nebenmannes lachte, musste auch er lächeln. Und mit ihm die Männer in ihrer Nähe. Bemerkenswert. Vielleicht war diese junge Frau einem kurzen Flirt mit ihm nicht abgeneigt. Sie weckte Clives Jagdinstinkt. Man würde sehen.

Wieder schalt er sich. War er verrückt, auch nur daran zu denken, Clive das anzutun? Keine Frau war es wert, für ein feuriges Zwischenspiel seine Freundschaft zu seinem Bruder aufs Spiel zu setzen. Mochte ihr Anblick ihn noch so reizen.

Er versuchte sich auf die Dame neben ihm zu konzentrieren, doch das fiel ihm aus mehreren Gründen schwer. Ihr Gesicht war nichts sagend, ihre Figur ähnelte der eines Grizzlybären, ihre Frisur und ihr Kleid waren völlig aus der Mode, und ihre Stimme klang wie ein knirschendes Wagenrad. Der pure Schrecken. Außerdem verursachte ihm ihr Geplapper Kopfschmerzen.

„Ich gehe gerne am Fluss spazieren. Am Abend ist es dort himmlisch. Die Grillen zirpen, die Vögel zwitschern, die untergehende Sonne hüllt die Umgebung in rosa Licht …“ Sie kicherte. „Fehlt nur noch ein Mann, mit dem ich den Anblick genießen kann.“

Er nickte und unterdrückte ein Seufzen. Er würde ganz sicher nicht dieser Mann sein. Hätte es sich bei dem Vater der jungen Dame nicht um einen wichtigen Geschäftspartner gehandelt, wäre er einfach geflüchtet.

Sein Blick wanderte wieder zu der Unbekannten. Wie hieß sie? David hatte ihren Namen in seinen Briefen erwähnt. Irgendetwas mit „J“. Ach, ja. Jaqueline Mornington. Die Nichte seines Nachbarn. Jacky. Wäre es sehr verwegen, sie ohne die Vorstellung seines Bruders anzusprechen?

Jacky unterhielt sich angeregt mit Millie und deren Bekannten. Da sie außer David niemanden hier kannte, war sie froh, dass sich die nette, junge Frau um sie kümmerte. Millie erzählte Jacky, wie sie vor Jahren auf diese Farm gekommen war und James kennengelernt hatte. Jacky erkannte sogar als Außenstehende nach dieser kurzen Zeit, dass die beiden füreinander bestimmt waren.

Allerdings begann Jacky irgendetwas zu beunruhigen. Ein Kribbeln in ihrem Nacken. Ein Flattern in ihrem Magen. Sie glaubte, einen Blick auf sich ruhen zu fühlen. Suchend sah sie sich im Saal um. Die ihr unbekannten Menschen waren in Gespräche vertieft und nahmen keinerlei Notiz von ihr.

Dann wurde sie am anderen Ende des Raumes plötzlich eisgrauer Augen gewahr, die sie förmlich näherzogen. Als würde durch einen Zauber die Entfernung zwischen ihnen überwunden. Schauer rannen ihren Rücken hinab. Irgendetwas an diesem Gesicht in der Menge faszinierte sie. Sie meinte beinahe, seine Blicke auf ihrer Haut spüren.

Es standen zu viele Menschen zwischen ihnen, als dass sie die Person richtig erkennen konnte. Allerdings bemerkte sie, dass der groß und kräftig gebaute Mann einen edlen schwarzen Anzug mit Hemd und Krawatte trug. Das unterschied ihn bereits von den meisten anderen Anwesenden. Doch auch sein an den Schläfen ergrautes schwarzes Haar ließ ihn distinguiert wirken.

Mit verunsichert gerunzelter Stirn wandte sie sich wieder an Millie. Sie konnte sich nicht auf deren Worte konzentrieren. Immer wieder suchte ihr Blick den des Unbekannten. Auch er sah in ihre Richtung, und sobald sich ihre Blicke trafen, hatte Jacky das Gefühl, als durchzucke sie ein Blitz. Sie fühlte sich elektrisiert und wie unter einem Bann. Weshalb besaß dieser ihr unbekannte Mann Macht über sie?

Sie sah sich außerstande, ihre Augen abzuwenden. Der Ausdruck in den seinen zog sie näher. Um dem Impuls, auf ihn zuzugehen, nicht nachzugeben, bohrte sie ihre Fingernägel in ihre Handinnenflächen. Der Schmerz brachte sie in die Realität zurück. Dieser Mann war ein Fremder, und sie konnte nicht zulassen, dass sie sich aus einer Laune heraus vollkommen lächerlich machte. Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft senkte sie den Kopf.

David stand in Jackys Nähe mit ein paar Bekannten in ein Gespräch vertieft. Seine Augen pendelten zwischen Jacky und dem Mann hin und her. Abrupt löste er sich aus seiner Gruppe und war mit ein paar Schritten bei Jacky. „Du musst schrecklich erschöpft sein von der langen Reise“, meinte er an sie gewandt. „Möchtest du dich nicht zurückziehen?“

Sie drehte sich mit entgeistertem Gesichtsausdruck zu ihm um. „Ich bin nicht müde.“ Wieder wanderte ihr Blick wie von selbst zu dem Fremden.

David nahm ihren Arm in festen Griff. „Wenn du noch nicht schlafen gehen willst, dann machen wir einfach einen Spaziergang im Garten.“

„Ich verstehe nicht, was das soll. Sag mir zuerst, wer der Mann dort drüben ist, der uns die ganze Zeit beobachtet.“

Einen Moment sah sie Panik in Davids Augen aufblitzen. Doch seine Antwort verwirrte sie noch mehr. „Das ist mein Bruder Clive.“

Man konnte wirklich nicht behaupten, dass ihre Verwandtschaft ihnen ins Gesicht gemeißelt stand. Jacky starrte David verwirrt an, als er wieder an ihrem Arm zerrte. „Warum hast du es auf einmal so eilig?“

„Es ist alles in Ordnung. Ich finde es lediglich hier drinnen unheimlich heiß und brauche frische Luft“, presste er hervor.

Irgendetwas machte ihm Angst, das konnte sie erkennen. Trotz seiner makellosen Kleidung drängte sich ihr bei seinem Anblick der Eindruck von Zerzaustheit auf. Um ihn nicht noch mehr aufzuregen, ließ sie sich von ihm nach draußen führen.

Die Dunkelheit hüllte bereits zu viel von den Pflanzen ein, um jedes Detail des Gartens erkennen zu können. Doch sie sah überall blühende Rosen in den verschiedensten Farbschattierungen, und es roch betörend. Sie blieb einige Schritte vom Geländer der Terrasse entfernt stehen und sah zu David. „Wie wunderschön!“

David warf einen Blick zurück in den Saal, bevor er sich ihr zuwandte. „Den Garten hat meine Mutter vor ihrem Tod angelegt. Schade, dass es so dunkel ist. Am frühen Morgen ist er besonders eindrucksvoll.“

„Was ist los, David?“, erkundigte Jacky sich mit gerunzelter Stirn ob seines fahrigen Tonfalls. „Ich merke doch, dass dich etwas beunruhigt.“

Sein Gesichtsausdruck wurde bitter. „Ach, Jacky. … Du bist offensichtlich von meinem Bruder fasziniert.“

Sie wurde rot und drehte sich dem Garten zu. War sie so leicht zu durchschauen? „Es tut mir Leid, David. Ich wollte dir nicht wehtun.“ Unter gesenkten Wimpern blickte sie zu ihm hoch. „Bald bin ich von hier weg und werde euch alle nie wieder sehen.“

„Ich werde darüber hinwegkommen, dass du mich nicht heiraten wolltest. Und ich gönne dir auch von Herzen alles Glück, das du noch finden wirst. Aber bitte halte dich von Clive fern. Er ist nicht gut für dich.“

„Wie meinst du das?“

„Er ist ein Frauenheld, Jacky.“

Jacky legte den Kopf schief. „Ach, David …“

„Du verstehst nicht. Er macht sich an jede junge, hübsche Frau heran, und wenn er gehabt hat, was er wollte, lässt er sie schneller fallen als glühende Kohle. Ich bitte dich inständig: Fall nicht auf ihn herein.“

„Danke für deine Besorgnis. Ich werde euch ohnehin nicht lange zur Last fallen. Sobald ich alles geklärt habe, werde ich weggehen. Ich werde sein Interesse gar nicht erst wecken.“

David lachte freudlos auf. „Das hast du bereits. Und ich kann ihn verstehen. … Sollte er dir zu nahe kommen, sag mir bitte Bescheid.“

Er war ein fürsorglicher Mann, wenn auch vielleicht ein wenig übervorsichtig. Warum konnte er nicht die gleichen Gefühle wie sein Bruder in Jacky wachrufen? Zumindest wusste sie seine Großherzigkeit zu schätzen. Dankbar küsste sie ihn auf die Wange. „Vielleicht werde ich mich jetzt doch zurückziehen. Gute Nacht, David.“

Sie wandte sich ab und bemerkte nicht, dass sich Davids Gesicht bei ihrem Kuss gerötet hatte.

 

[...]

 

"Des Verführers Gast"

   als print-Book um EUR 8,49

   als E-Book für kindle oder als epub um EUR 2,99