Der Brief von Mr. Montgomery

„Das ist nicht das, was sich Vater gewünscht hätte.“

Die Augenbrauen von Lionell trafen sich beinahe an der Nasenwurzel. „Und was hat das mit der Entscheidung zu tun, die ich gerade treffe?“

„Vater würde nicht wollen, dass du die Weingärten und Felder verkaufst“, blieb George hartnäckig. Er verstand nicht, weshalb sein Bruder in der Lage war, den landwirtschaftlichen Teil der Firma abzustoßen, wo doch sein Vater geliebt hatte, auf einem Pferd seine Ländereien zu betrachten. George zerriss es innerlich bei dem Gedanken, dass das Imperium, das sein Vater mühsam aufgebaut hatte, nun an Fremde fallen sollte.

„Unser Vater ist seit einem Jahr tot. Ich führe nun die Farm auf die Art und Weise, die ich für richtig halte.“

Ein wenig dezenter Hinweis darauf, dass George als Zweitgeborener keinerlei Rechte besaß. Er war nicht mehr als ein Angestellter. Noch mehr schmerzte George allerdings die Erinnerung an den viel zu frühen Tod seines Vaters. Sein Herz wurde zu Eis. „Du hast Recht, Bruder. Verzeih meinen Einwurf“, presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor und ging in sein Zimmer.

Die Situation war für George nur schwer zu ertragen. Lionell hatte sich stets mehr für Börsengeschäfte als für die Farmarbeit interessiert. George konnte nichts gegen die Entscheidungen seines Bruders unternehmen. George wusste, dass er als Angestellter seines Bruders nicht glücklich werden würde. Er sehnte sich nach einem Stück Land, das ihm allein gehörte, nach einer Familie, der er wirklich etwas bedeutete. Die Chancen dafür schienen in seinem Elternhaus fern.

Doch das Schicksal hatte ihm eine andere Gelegenheit geschickt. Eine Möglichkeit, sein Können sinnvoll einzusetzen. Er dachte an den Brief, den er heute erhalten hatte. Noch einmal las er die schicksalshaften Zeilen auf dem Papier, während seine Hände zitterten.

 

 

Lieber Mr. Letham!

 

Nachdem wir uns vor ungefähr einem Monat auf dem Ball der Woodiwiss’ kennengelernt haben, musste ich des Öfteren an Sie denken. Bereits bei unserem damaligen Treffen keimte eine Idee in mir, die nun endlich ausgereift ist. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, aus dem wir beide Vorteile ziehen können.

Ich besitze verschiedene Ländereien in North Carolina. Einige davon habe ich seit Jahren verpachtet. Nun habe ich leider erfahren, dass der bisherige Pächter von Rosewood, einer großen Baumwollplantage nahe Asheville, seine Arbeiter schwer misshandelt hat. Solche Praktiken kann ich auf meinem Grund und Boden nicht dulden und habe daher den Vertrag aufgelöst. Um die durch diesen Mann mit meinem Namen verbundene Schande auszutilgen, suche ich nun einen geeigneten Nachfolger, der die Aufgabe übernimmt, die heruntergewirtschaftete Plantage zu retten. Es müsste sich dabei um jemanden handeln, der meine Vorstellungen von Personalführung teilt und jung genug ist, frischen Wind in das Unternehmen zu bringen. Diese Vereinbarung würde nicht auf Pachtbasis laufen. Ich käme für alle Unkosten auf. Allerdings würde ich mir erhoffen, nach dem zweiten Jahr eine Lieferung der einstmals weltbekannten „Rosewood“-Rosenstöcke zu erhalten, die meine Frau so sehr liebt.

Aus unserem Gespräch bei den Woodiwiss’ habe ich geschlossen, dass Sie eine neue Herausforderung suchen, nachdem Ihr älterer Bruder das Erbe Ihrer Eltern angetreten hat. Sie sind mir zudem sehr sympathisch und kompetent in Erinnerung geblieben. Daher möchte ich Ihnen als Erstem das Angebot machen, Rosewood wieder aufzubauen und seine Berühmtheit für die wundervollen Rosen zu erneuern.

Sollten Sie damit einverstanden sein, ersuche ich Sie, Kontakt mit mir aufzunehmen, um die näheren Einzelheiten zu klären.

 

In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, verbleibe ich mit großer Vorfreude

Ihr Theobald Montgomery

 

 

Das Angebot schien wie vom Himmel geschickt. Es bot ihm eine Möglichkeit, das zu machen, was er gerne tat, an einem Ort, an dem er erwünschter war als hier. Es gab keinen Grund, länger zu zögern.

George erhob sich und machte sich auf die Suche nach Xaver, den er den Brief lesen ließ. „Kommst du mit?“, fragte er, nachdem Xaver die Lektüre beendet hatte.

„Du willst diese Aufgabe übernehmen?“

George nickte.

„Dann kennst du meine Antwort“, verkündete Xaver. „Du weißt, dass ich mich ohne dich in Haveley überflüssig fühlen würde. Wann geht es los?“

Die Erleichterung, auf die Unterstützung seines Freundes zählen zu können, ließ ihn lächeln. „Wie wäre es mit morgen früh? Die Zeit müsste reichen, um die notwendigen Vorbereitungen zu treffen.“

„So schnell? Du verlangst viel, mein Freund.“

„Das ist mir bewusst. Dein Beistand bedeutet mir deshalb umso mehr.“ Als Xaver nickte, lächelte George. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, um seine Koffer zu packen.

Ganz so einfach wie gedacht wurde seine Aufgabe auf Rosewood jedoch nicht.

 

Neugierig, wie es weitergeht? Der rätselhafte, romantische Historische Liebesroman „Das Geheimnis von Rosewood“ gibt es auf amazon als E-Book um EUR 2,99 bzw. als print-Buch um EUR 7,59 erhältlich.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0